Eine Gedenkveranstaltung in Leipzig

Inzwischen, so könnte man ebenso zynisch wie einprägsam behaupten, ist das Mittelmeer ein Meer der Leichen. In den vergangenen Wochen fanden mehr als 1.300 Menschen den Tod beim Versuch, von Nordafrika nach Europa zu gelangen. Auf der Flucht vor Krieg, Bürgerkrieg, Hunger, Armut, Seuchen…. Bei den Bremer Stadtmusikanten im Märchen hieß es noch: „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal.“ Nun, der unter maßgeblicher deutscher Beteiligung unternommene Versuch, aus Europa eine Festung zu machen, den Subkontinent hermetisch abzuriegeln, hat dazu geführt, dass die Flüchtenden nichts anderes als den Tod fanden. Das anschließende, eilig einberufene Treffen der EU hatte bestenfalls halbherzige und unzureichende Beschlüsse getroffen.

Aus Protest gegen diese unmenschliche Politik der EU hatten Studierende der Uni Leipzig für Freitag, den 24. April, zu einer Veranstaltung eingeladen, auf der die Möglichkeit gegeben werden sollte, gemeinsam Trauer und Wut über die getöteten Geflüchteten zum Ausdruck zu bringen. Im Aufruf forderten sie nichts anderes als „einen Politikwechsel hin zu Offenheit und Solidarität. Eine Solidarität, die Grenzen überschreitet und keinen Unterschied zwischen Menschen macht – ganz gleich, welcher Nationalität und Herkunft.“ Es ist klar, dass diese Forderung nach Solidarität bei der gegenwärtigen EU-Politik nur ein schöner Traum bleiben wird. Trotzdem versammelten sich mehrere hundert, überwiegend junge Menschen und drückten ihre Zustimmung zu den Forderungen aus: „Wir fordern ein Ende der unmenschlichen Abschottungspolitik! Wir fordern, dass dem Massengrab Mittelmeer Einhalt geboten wird! Wir fordern Lösungen für einen würdigen Umgang mit Geflüchteten!“

Sie lauschten der Erzählung eines Flüchtlings aus Syrien, der seinen langen Weg über mehrere Stationen nach Leipzig schilderte, wo er seit sieben Monaten lebt. Sie folgten den Worten eines kurdischen geflüchteten Studierenden, der einen Politikwechsel forderte. Und sie hörten abschließend das nachfolgende Gedicht.

Der Tod im Meer
(von Hıdır Eren Çelik)

Ich schau in Dich,
in deinem Gesicht find ich mich
als Mensch,
nun bist Du tot,
vergraben in den Untergrund des Meeres.

Ich bin am Leben, trauere,
klage über Deinen Tod
als Mensch
Du wolltest wie ich leben, in Freiheit.

Die Hoffnung,
eine Zukunft für Deine Kinder zu bauen,
hat Dich mit den Wellen getrieben,
als Leiche nach Europa.

Übrigens: Über den Angriff auf die Ausländerbehörde in Leipzig, die am gleichen Morgen erfolgt war, bei dem Parolen gemalt und etliche Türen und Fenster zerstört wurden, berichteten alle Medien in großer Aufmachung und mit einhelliger Empörung. Empört zeigte sich auch Leipzig Oberbürgermeister Jung. Ich muss gestehen, dass sich meine Empörung in Grenzen hielt. Ich dachte vielmehr an Bertolt Brechts berühmte Worte aus der „Dreigroschenoper“: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Diejenigen aber, die so unisono empört über die Attacke auf die Ausländerbehörde waren – von LVZ bis L-IZ –, sie widmeten der Protestversammlung auf dem Augustusplatz nicht eine einzige Zeile.


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