Auch wenn trotz der Eigenwerbung keineswegs immer ein kluger Kopf hinter der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ steckt, war und ist sie gleichwohl das Zentralorgan des denkenden Besitzbürgertums. AfD? Da sind wir erst einmal skeptisch. Ein paar Professoren ergeben noch keine brauchbare Partei. PEGIDA? Legida und wie die ganzen IDAS alle heißen? Da reden wir gleich Klartext. Redakteur Jasper von Altenbockum kommentiert lakonisch, anspielend auf die Frakfurter Sponti-Proteste der siebziger Jahre, die sich gelegentlich zu Straßenschlachten auswuchsen: „Die Dresdner Kundgebungen werden im Sande verlaufen. Aber unterm Pflaster liegt der Strand, auf dem sich heutzutage rechts-irrlichterndes Gedankengut ausbreitet.“ Einen Grund für die Spaltung von PEGIDA sieht der Autor darin, „dass die AfD Unterstützung signalisiert hat“. Zentrale Forderung der Spalter soll künftig die nach mehr „direkter Demokratie“ sein.

Elektrisierend für die AfD, „denn das ist ein Kernanliegen der neuen Partei, die eine „Bewegung“ gut gebrauchen kann.“ Der neue Verein, so Sprecherin Kathrin Oertel, „bürgernah“ und „konservativ“ sowie rechts von der CDU heimisch sein. Und von Altenbockum sieht das Menetekel bereits an der Wand: „Die CDU schaut zu. Das war damals aber auch nicht anders. Da schaute die SPD den Grünen zu.“ Und wie war das damals bei den Grünen? „Wir haben ein außerparlamentarisches Standbein und ein parlamentarisches Spielbein“, behaupteten sie. Frau Oertel sieht ihren neuen Verein ebenfalls bereit als Standbein, nach eigenen Worten rechts von der CDU beheimatet.

FAZ-Autor Olaf Sundermeyer spricht vom „Erfolg fremdenfeindlicher Bewegungen wie Pegida“, der erst durch Hooligans ermöglicht worden sei, von denen etliche „sich als eine Art moderne SA“ verstünden, gar „dass ‚rechtsmotivierte‘ Hooligans als Schutztruppe und lautstarke Einpeitscher dieser bundesweiten fremdenfeindlichen Bewegung auftreten.“ Er zitiert den Legida-Redner Friedrich Fröbel: „Nun ein Wort an euch Hools, die ihr heute Abend wieder hier seid, weil ihr versprochen habt, das Volk vor der Antifa zu schützen.“ Und weiter: „Wenn die Politik unsere Polizei weiter so kaputt spart, dann werdet ihr noch einmal gefordert sein, Seite an Seite mit diesen Polizisten Recht und Gesetz zu verteidigen.“ Brüllend versichern die Hooligans, dass sie da sein werden. Eine „moderne SA“ eben, die „Hilfspolizei“ von heute.

Am Anfang war HOGESA

Es sind Hooligans, die Legida von Anbeginn geprägt haben. Es ist ein Rocker, der jetzt an der Spitze des Ablegers in Duisburg steht. Der Outlaw-Nimbus vereint beide Gruppen. Outlaws, die nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, sondern – so das Selbstbild – die sich freiwillig außerhalb der Gesellschaft positioniert haben, da sie für die „gesunde Volksmeinung“ stehen. Nicht die Gesellschaft mit ihren Institutionen repräsentiert danach die Bevölkerung, sondern das Volk selbst muss sich wieder Gehör verschaffen. Auch ein Verständnis von direkter Demokratie. Und diese direkte Demokratie will auch, mit der szenetypischen Attitude, direkt – auf der Straße – durchgesetzt werden: Eben „Hooligans gegen Salafisten“. Da nutzt es auch nichts, wenn der Dresdner Professor Hans Vorländer in seiner höchst fragwürdigen Untersuchung der REGIDA-„Spaziergänger“ feststellt, nur ein relativ geringer Teil der Demonstrierenden habe den Islam als Hauptthema. Natürlich wissen die Befragten nur zu genau, dass die Bewegung wegen Islamfeindlichkeit in der Dauerkritik steht. Weniger verfemte Gründe sind schnell gefunden.

Lutz Bachmann wäre kein Werbefachmann, wenn er solche Anwürfe nicht bereits bei der Namensgebung bedacht hätte. Positive Botschaften liefern, so lautet die Parole. Die übergroße Mehrheit der „19-Punkte-Programms“ von PEGIDA liefert Aussagen darüber, wofür man ist. „Patriotische Europäer“ gehen in Dresden auf die Straße. Man weiß, dass der Vorwurf der „Europafeindlichkeit“ Jörg Haider ins Abseits manövriert hatte. Für das „Abendland“ steht man. Und damit als Verteidiger gegen eine von außen, aus dem „Morgenland“ stammende Bedrohung.
Begriffe, so der faschistische Staatsrechtler Carl Schmitt, seien immer politische Kampfbegriffe, zur Unterscheidung zwischen Freund und Feind dienend. In seinem Buch „Der Begriff des Politischen“ schreibt er, in dem tausendjährigen Kampf zwischen Christentum und Islam ist niemals ein Christ auf den Gedanken gekommen, man müsse aus Liebe zu den Sarazenen oder den Türken Europa, statt es zu verteidigen, dem Islam ausliefern.“ Die Erfindung des Europäers, so der französische konservative Revolutionär Denis de Rougemont, liegt im Jahre 732 bei der Schlacht von Poitiers, „wo Karl Martell die Araber besiegte“. Und dessen Reich, ergänzt Eugen Rosenstock-Huessy, sei das „Abendland der Kreuzzüge“ und deren Zeit „die Zeit des Abendlandes“ gewesen.

Und auch wenn von „Verteidigung“ gesprochen wird, ist doch im internen Diskurs klar, dass eigentlich eine Rückeroberung, die Reconquista, gemeint ist. Man befindet sich auf einem Kreuzzug. Und wie die historischen Kreuzzüge sollen diese nicht ihr Ende an den Grenzen Europas finden, sondern müssen ins Kernland des Feindes getragen werden. Erstaunt es angesichts dessen, dass den Löwenanteil der PEGIDAisten Männer ausmachen? Ein Kreuzzug ist Männersache. Da komme niemand mit gender mainstreaming! Man sagt zwar nicht, dass Frauen an den Herd gehören, gemeint ist es schon.

Doch so paradox es klingt: gäbe es die Islamisten, die Salafisten nicht, so müssten sie extra für PEGIDA und Co. erfunden werden. Denn wie schreibt Gonzague de Reynold, ein weiterer der Abendland-Ideologen: „Die Geschichte lehrt uns, dass es eines gemeinsamen Feindes, einer gemeinsamen Gefahr bedarf, damit Europa ist.“ Inzwischen kommt diese Gefahr nicht mehr aus dem Osten, aus Russland, sondern aus dem Orient. Den ehemaligen Erzfeind sähe man gerne als Verbündeten. Wie in den nachgeschobenen „6 Punkten“ von PEGIDA, in denen ein „Ende der „Kriegstreiberei mit Russland und ein friedliches Miteinander der Europäer“ gefordert wird. Auch das hat mit der angemahnten „direkten Demokratie“ zu tun: ein starker, direkt gewählter Präsident mit weit reichenden Vollmachten, der sein Reich nach außen verteidigt, der die christliche Kirche stärkt und der Dekadenz im Inneren einen Riegel vorschiebt.

Kerstin Köditz


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