Nun ist sie wieder angebrochen. Jene Jahreszeit, in der die Fernsehkanäle – besonders beim MDR – überschwappen vor Dokumentationen, die den 9. Oktober in Leipzig, den Jahrestag der Maueröffnung, den Jahrestag der „Wiedervereinigung“ und verwandte Themen behandeln. Auch 23 Jahre danach hält man es offenkundig für notwendig, den Zuschauerinnen und Zuschauern einzutrichtern, dass damit in Deutschland endlich das Reich der Freiheit erreicht worden sei, dass wir in unserem Lande die Unfreiheit und Unterdrückung abgeschüttelt und gegen die beste aller denkbaren Welten eingetauscht habe. Aber: wenn auch damals in gnadenloser Selbstüberschätzung neoliberale Philosophen bereits das „Ende der Geschichte“ gekommen sahen, so spricht heute (fast) niemand mehr über solchen Unfug.

Die Gefahren, die durch das neue, größere Deutschland drohen konnten, sah damals bereits deutlich der linke Liedermacher, Romancier und Rechtsanwalt Franz-Josef Degenhardt. Er ist am 14. November 2011 verstorben und hat miterleben können und müssen, dass sich seine Befürchtungen zu einem guten Teil bewahrheitet haben. In einem Interview mit dem NDR, bei dem auch das nebenstehende Lied „Aus der Gruft“ aufgenommen wurde, betonte er Anfang 1990, dass auch und gerade in diesem neuen Staat eine „Fundamentalopposition“ notwendig sei und bleiben werde. Damit seine Befürchtungen nicht eintreffen.

Der Verleger Jörg Sundermeier schrieb in einem Nachruf auf Degenhardt in der TAZ, dieser sei in seinen starken Momenten das „Gewissen eine Generation“ gewesen. Und weiter: „Seine Kritik war stets scharf, gerade diejenigen, die ihren Frieden mit den Verhältnissen gemacht haben, am Stammtisch aber noch die größten Revoluzzer sind, nahm er immer wieder aufs Korn. So traute er der rot-grünen Bundesregierung nicht einen Augenblick.“ Er kannte aus der Geschichte der Westlinken eben auch die Wendehälse, die er in Liedern wie „Wildledermantelmann“ polemisch porträtierte. Dass seine Befürchtungen nicht nur so Geschichten blieben, es liegt auch daran, dass die von ihm geforderte Fundamentalopposition im neuen Deutschland nie stark genug war.

Beitragsbild: © Günter Prust / Wikimedia Commons


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