Aufklärung ist nicht gleich Aufklärung

Vielleicht war es von Anbeginn keine gute Idee, nach dem Auffliegen des “Nationalsozialistischen Untergrundes” den emphatischen und bedeutungsschweren Begriff der Aufklärung in Anschlag zu bringen: Der NSU konnte gerade deshalb morden, weil das Verschwinden von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe ebenso wenig aufgeklärt wurde wie die Verbrechen, die dem “Trio” heute zugerechnet werden. Was seit November 2011 durch berufene und weniger berufene “Aufklärer” betrieben wird, geht vielmehr aus von dem Problem, dass der NSU dann, als es darauf ankam, als es um Menschenleben ging, mitnichten aufgeklärt wurde.

Das unverzeihliche Versäumnis – es waren viele Versäumnisse – wird zurecht Staatsversagen genannt. Es gilt in der Tat, die Gründe dafür detailliert aufzuklären.

Dadurch entsteht ein zweites Problem: Nicht diese Aufgabe, aber den Begriff “Aufklärung” reklamieren manche Menschen als Ehrentitel, die hinter dem Schein des hehren Anspruchs das glatte Gegenteil betreiben, nämlich Legendenbildung bis hin zur Konstruktion veritabler Verschwörungstheorien. Man kann es Gegenaufklärung nennen. In manchen Fällen ist das durchschaubar: Die extreme Rechte konstruiert um den NSU herum eine Verschwörung in tausend Varianten, um der Schuldfrage ausweichen zu können und die rassistischen Überzeugungen, die das “Trio” zum morden bewogen hat, nicht hinterfragen zu müssen. Um diese Menschen, die nichts bereuen, soll es hier ausnahmsweise nicht gehen. Und dass sowieso und ausnahmslos alle Darstellungen zum NSU-Komplex irgendeinen spekulativen Anteil haben: geschenkt. Es kommt nur darauf an, wie man diesen Anteil behandelt, ob man ihn kurzerhand aufbläst oder aufwändig ausräumt.

Auch “linke” Verschwörungstheorien nutzen den Rechten

Es gibt keine Entschuldigung dafür, an Überinterpretationen, Fehleinschätzungen und schlichten Falschinformationen festzuhalten. Zumal dieses Geschäft nicht nur die Rechten beherrschen – das gibt es ebenso bei Linken, bei AntifaschistInnen, bei JournalistInnen. Was es darüber hinaus gibt, sind ganze Aufsätze und Bücher engagierter und sonst vernünftiger PublizistInnen, die sich zu etwas sehr unvernünftigem haben hinreißen lassen: Sie füllen den manchmal großen Bereich, über den man wenig oder gar nichts weiß, mit unbewiesenen und oft unbeweisbaren Spekulationen. Das ist besonders enervierend, denn so schlägt Aufklärung in Mythos um; ein eigentlich wohlbekannter Effekt. Dadurch, ihn zuzulassen, wird die drängende Frage nach Verantwortung und Schuld nicht etwa nachdrücklicher gestellt, sondern inhaltlich verschoben. So dringt Aufklärung, wie immer man sie versteht, nicht zu tatsächlichen Widersprüchen vor, sondern endet in Spiegelfechterei.

Die unter Verschwörungsideologen besonders beliebte Frage “Qui bono?” ist in diesem Falle übrigens eindeutig zu beantworten: Das nutzt am Ende den verantwortlichen Behörden, das hilft den schuldigen Rechten!

Der Ausweg heißt: sorgfältige, faktenbasierte Recherche. Ein Gebiet, auf dem manche antifaschistische Initiativen und manche JournalistInnen sehr viel geleistet haben. Ein Gebiet, auf dem auch die Untersuchungsausschüsse in Bund und Bayern angesiedelt waren und auf dem die Ausschüsse in Thüringen und Sachsen weiterhin aktiv sind. Man soll sich mit den – freilich vorläufigen und bisher unbefriedigenden – Ergebnissen nicht zufrieden geben. Man soll aber auch nicht, ohne je einen der öffentlich tagenden Untersuchungsausschüsse von innen gesehen zu haben, das alles durchstreichen, indem man sie als “systemstabilisierend” diskreditiert.

So hat es beispielsweise eine linke Zeitschrift formuliert, die zum Thema NSU nichts beigetragen hat, außer an unhaltbaren Verschwörungstheorien mitzustricken, wie sie mittlerweile tausendfach im Internet wiedergegeben werden. Ein Beispiel soll hier ausführlich seziert werden:

War am 4. November 2011 ein “dritter Mann” am Wohnmobil in Eisenach?

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass am 4. November 2011 neben Böhnhardt und Mundlos eine weitere Person am Wohnmobil in Eisenach gewesen sei. Erstmals berichtete die Thüringer Allgemeine (TA) am 5. November (in einem der allerfrühesten Presseberichte überhaupt) über die Suche nach einem “dritten Täter” bezüglich des vorangegangenen Banküberfalls. Das erklärt sich ganz einfach: Als die TA berichtete, war Uwe Mundlos bereits identifiziert und bekannt, dass das Wohnmobil auf den Namen eines Holger G. – er steht heute in München mit vor Gericht – angemietet wurde. Unter den Asservaten aus dem Wohnmobil befanden sich ferner Ausweisdokumente des ebenfalls mitangeklagten André E. (Zwickau) sowie Max B. (Chemnitz/Dresden).

Insofern konnte und musste die Polizei rasch von “weiteren Tätern” ausgehen. Insofern hat auch die TA korrekt berichtet.

Durch Befragungen war zu der Zeit schon bekannt, dass der Caravan mehrere Tage zuvor gesehen wurde, und mehrere ZeugInnen erinnern sich, dabei tatsächlich eine dritte Person – allerdings eine Frau – bemerkt zu haben. Die Beschreibung könnte auf Zschäpe passen. Heute wird davon ausgegangen, dass sie zumindest an der Anmietung des Wohnmobils beteiligt war, immerhin wurde ein Haar von ihr im Innenraum des Autos gefunden. Möglich auch, dass sich Zschäpe am 5. November in Eisenach aufgehalten hat. Eine weitere Zeugin erinnert sich an eine verwirrt anmutende Frau, die einen Tag nach dem Tod Böhnhardts und Mundlos’ den allerletzten Tatort des NSU “besichtigt” hat.

Das ist die Faktenlage und der wahre Kern der folgenden, nicht mehr so wahren Erzählung. Sie beginnt am 7. November mit einem Beitrag der BILD-Zeitung:

“Eine Nachbar berichtet, dass eine Person aus dem Führerhaus kletterte und die Flucht ergriff.”

Ein STERN-Bericht griff die Behauptung am 20. November neuerlich auf:

“Berichte von einer dritten Person, die kurz vor dem Eintreffen der Polizei das Wohnmobil verlassen haben soll, verstummen im Eisenacher Neubaugebiet Wartburgblick dennoch nicht.”

Auf diesen beiden Pressetexten, die sich auf einen anonymen Nachbarn und Hörensagen berufen, basieren vermutlich sämtliche Behauptungen eines “dritten Mannes”. Der Polizei ist dennoch kein Zeuge bekannt, der solche Beobachtungen gemacht haben will.

Eine regelrechte “Flucht” vor dem Eintreffen der Polizei ergäbe auch wenig Sinn. Zum einen wäre dann unerklärlich, warum Böhnhardt und Mundlos im Auto verblieben sind. Zum anderen: Auch wenn der von ihnen mitgeführte Handscanner eingeschaltet war, hätte sich durch ein mögliches Abhören des Polizeifunks kein Vorsprung ergeben, denn den Abstellplatz des Wohnmobils hat eine Streifenwagenbesatzung spontan gefunden. Wahrscheinlich bemerkten Mundlos und Böhnhardt die Anwesenheit der Polizei erst, als sich die Beamten dem Wagen näherten. Am Heck des Autos war nämlich eigens eine versteckte Überwachungskamera installiert worden. Ein absehbares Zeitfenster für eine Flucht kurz vor Eintreffen der Polizei gab es nicht.

Alle ZeugInnenaussagen zum weiteren Hergang sind in sich schlüssig und widerspruchsfrei. Eine “dritte Person” kommt hier nur insofern vor, als die Polizei einen Anwohner vom Tatort fortschickte, der seinen Pkw wegfahren wollte. Auf jeden Fall wäre ein “dritter Mann” (oder auch eine Frau), der das Wohnmobil verlassen hätte, durch Polizei und AnwohnerInnen bemerkt worden: Zwar war die Tür des Wohnmobilaufbaus nicht in ihrem Blickfeld, aber in die abgewandte Richtung war der Fluchtweg durch eine Baustelle und einen hohen Zaun versperrt. Ein “dritter Mann” wäre zwingend ins Sichtfeld geraden und bemerkt worden. Das ist definitiv nicht passiert.

War der Tod Böhnhardts und Mundlos’ womöglich doch kein Selbstmord?

Eng verknüpft mit der Fiktion eines “dritten Mannes” ist die Behauptung, dass dieser an der Selbsttötung Böhnhardts und Mundlos’ mitgewirkt haben könnte, womöglich auch nicht von einer Selbsttötung auszugehen sei, sondern von Mord. Inkonsistent ist diese Annahme schon deswegen, weil der fiktive “dritte Mann” – siehe oben – bereits vor dem Eintreffen der Polizei geflüchtet sein soll.

Dass Böhnhardt und Mundlos demnach schon vorher tot gewesen sein müssen, widerspricht übereinstimmenden ZeugInnenaussagen, die erst nach Umstellung des Wohnmobils drei Schuss- oder Knallgeräusche aus dem Inneren gehört haben: Es handelt sich um einen Schuss aus dem Innenraum in Richtung der Polizisten, der aber nicht durchdrang; um den tödlichen Schuss Mundlos’ auf Böhnhardt und schließlich die Selbsttötung Mundlos’. Dabei ist sogar, wie von ZeugInnen bestätigt, ein Teil des Daches weggeschossen worden. Vorher gab es auch keine Anzeichen für das im Inneren entfachten Feuers.

Gegen die Mitwirkung eines “dritten Mannes” sprechen insbesondere die Resultate der anschließenden Tatortbesichtigung: Der Boden des Wohnmobils war voller Blut, in dem eine weitere Person unweigerlich Spuren hinterlassen hätte. Solche Spuren fehlen. Durch Verwendung einer Pumpgun sind ferner derartige Wunden entstanden, dass nicht nur Blut auf dem Boden, sondern Gewebe-, Knochen- und Hirnfragmente im Innenraum verteilt worden sind. Eine “dritte Person” hätte schwerlich anwesend sein können, ohne sich diesen Spuren massiv auszusetzen und anschließend erst recht AugenzeugInnen aufzufallen. Nochmal: Solche ZeugInnen gibt es nicht.

Wird sogar unterstellt, dass der fiktive “dritte Mann” hier einen Mord begangen hat, so ergibt die Verwendung der in ihrer Wirkung besonders spurenintensiven Pumpgun wenig Sinn. Vielmehr hätte die Auswahl eines anderen, “dezenteren” Tatwerkzeuges nahe gelegen und wäre angesichts des im Wohnmobil mitgeführten, beachtlichen (und weitgehend einsatzbereiten) Waffenarsenals auch möglich gewesen.

Richtig ist bei der Darstellung des Ablaufs im Wohnmobil lediglich, dass durch die Polizei zunächst verschiedene Ablaufvarianten angenommen worden sind, wie genau Böhnhardt und Mundlos zu Tode kamen, also wer wen erschossen hat; ferner, ob zuvor ein gezielter Schuss auf die Beamten abgegeben und wie genau das Feuer gelegt wurde. Die später vorgelegten Ergebnisse kriminaltechnischer Untersuchungen lassen aber nur eine präzise Rekonstruktion der Vorgänge zu. Dieser Rekonstruktion liegen Tatsachen zugrunde, allen anderen Varianten nicht. Und so spricht für den “dritten Mann” ganz einfach: nichts.

Ein Gastbeitrag von Jürgen Kratzsch, Journalist.
Der Artikel wird als Serie in loser Folge fortgesetzt.


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