Am 1. September, dem weltweiten Antikriegstag, hat Juliane Nagel den Lysistrata-Friedenspreis der feministischen Frauenarbeitsgemeinschaft LISA der sächsischen LINKEN erhalten. Ich hatte auf dem Landesparteitag in Dresden die Ehre, die nachfolgende Laudatio auf die Preisträgerin halten zu dürfen.

 

Laudatio

Für uns als Partei DIE LINKE ist es völlig klar, dass wir gegen Nazis auf die Straße gehen. Natürlich. Ob früher regelmäßig gegen Christian Worch in Leipzig, ob jedes Jahr in Chemnitz oder Plauen, wenn dort die Nazis zum Jahrestag der Bombardierung marschieren, und nicht zuletzt am 13. Februar in Dresden. Und das ist natürlich erstens notwendig und zweitens richtig.

Nun will es die historische Wahrheit, dass das für uns keineswegs immer und überall selbstverständlich war. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeiten, da wir bunte Wimpelketten und Plakate mit der Aufschrift „Die Welt ist bunt, nicht schwarz-weiß“ für eine angemessene Reaktion auf Nazimärsche hielten. Oder wir delegierten die Verantwortung und forderten von den Verantwortlichen das Verbot des jeweiligen Nazimarsches. Oder aber wir schwiegen gleich ganz. Oder man hatte spätestens dann Probleme mit antifaschistischen Demonstrationen, wenn die eigene Stadt deren Ziel sein sollte. Glücklicherweise gab es aber in unserer Partei, damals noch der PDS, immer auch andere, die darauf drängten, dass wir vom Antifaschismus nicht nur reden, sondern ihn auch auf der Straße zeigen müssen. Die mit unendlicher Geduld und manchmal der Verzweiflung nahe, daran arbeiteten, dass sich das allmählich änderte, dass die jungen Antifaschistinnen und Antifaschisten nicht mehr als „Schmuddelkinder“ betrachtet wurden, dass antifaschistische Solidarität auch untereinander praktiziert wurde.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den 1. Mai 2000 in Grimma. Die NPD hatte gerade mit ihrem Versuch begonnen, den 1. Mai zum „Tag des deutschen Arbeiters“ umzudeuten, und wollte in Grimma demonstrieren. Wir in der Stadt hatten als Reaktion bunte Wimpelketten gespannt. Im breiten Bündnis – versteht sich. Eine Antifa-Demo sollte es auch geben, doch unterstützt wurde diese nur von einzelnen Abgeordneten der PDS auf Bundes- und Landesebene. Beide Demos waren zwar zeitlich voneinander getrennt worden. Aber die Antifa-Demoroute endete am Bahnhof, wo die der Nazis beginnen sollte. Dort kam Juliane Nagel auf mich zu, eine junge Frau, eigentlich noch im Teenager-Alter. Die Antifa-Demo war bereits beendet, die Teilnehmenden größtenteils schon abgereist. Dafür trafen immer mehr Nazis ein. Jule war zurückgeblieben, um sich um einen jungen Antifaschisten zu kümmern, dem schlecht geworden war. Sie ließ ihn nicht allein, ungeachtet der Gefahr, in die sie sich selbst damit brachte. Sie sorgte dafür, dass der Betreffende sicher zurück nach Leipzig kam.

Das, so finde ich, ist eine Szene, die typisch für Juliane Nagel ist. Sie lebt Solidarität, allen Widerständen und Hemmnissen zum Trotz. Der einfache Weg ist nie der ihre gewesen. Ihr war es immer wichtiger, das Richtige zu tun, als eine Mehrheit hinter sich zu wissen. Für viele – auch in den eigenen Reihen – war sie damit unbequem. Vor allem aber war und ist sie für jene unbequem, die immer wieder und penetrant daran arbeiten, die Grund- und Menschenrechte abzubauen.

Ein Beispiel – es ist ein Zitat: “So wie jedes Jahr trafen sich Connewitzer Bürgerinnen und Bürger am Connewitzer Kreuz, um dort gemeinsam den Jahreswechsel zu begehen. Auch ich war mit meinen Freunden dort. Die Zerstörungswut mir unbekannter Anwesender konnte ich von weitem beobachten. Ich verurteile diese und distanziere mich nachdrücklich davon. Als die Polizei einen meiner Freunde aus unserer am Rande des Geschehens stehenden Gruppe auf eine äußerst brutale Art und Weise herauszog, mischte ich mich ein. Ich hielt meinen Freund fest und versuchte den Grund für die Festnahme von den BeamtInnen zu erfahren. Daraufhin wurde auch ich zu Boden geworfen und unsanft in den Polizeiwagen geschleppt. Von Handgreiflichkeiten meinerseits gegenüber Polizeibeamten kann dabei überhaupt keine Rede sein. Auf mein Angebot den Personalausweis von einem ca. 100 m entfernten Ort zu holen, gingen die BeamtInnen nicht ein, nahmen mich mit und ließen mich erst 20 Minuten später wieder frei.“

Dieses Zitat stammt aus einer Pressemitteilung zum Jahreswechsel 2000/2001. Viele Bürgerinnen und Bürger gingen damals noch davon aus, dass die Polizei stets nach Recht und Gesetz handelt. Und vor allem, dass sie nicht lügt. Die Behauptung, dass Jule einen Beamten getreten haben soll, sorgte also in Leipzig für einen handfesten Skandal und umgehend für die Forderung nach ihrem Rücktritt als Stadträtin.

Inzwischen wissen wir alle die Polizei besser zu beurteilen. Und wir alle sind froh, dass wir mit Jule in Leipzig eine Stadträtin haben, die mit ihrer ganzen persönlichen Geschichte glaubhaft für jene Inhalte steht, die sie im Stadtrat vertritt. Sie hat sich und uns Anerkennung für ihr Engagement verschafft. Widerwillige und bisweilen zähneknirschende Anerkennung bei ihren Gegnern.

Ich sehe es als besonders positiv, dass Jule kein lohnendes Ziel darin erblickt, dass diese Gegnerinnen und Gegner weniger werden. Sie erregt Anstoß und sie gibt Anstöße. Dies gilt natürlich noch immer auch innerparteilich. Ich will an dieser Stelle nur daran erinnern, dass sie eine engagierte Streiterin für das bedingungslose Grundeinkommen ist. Natürlich ist sie das. Wenn eines der Postulate in diesem Staat ist, dass die Würde der Menschen unantastbar sein soll, dann müssen wir auch die materiellen Voraussetzungen dafür schaffen. Das ist ein noch unbekannter Weg. Und dabei gilt wie immer: wenn man die ausgelatschten Pfade verlässt, dann kann man knietief im Sumpf landen, aber man kann eventuell auch wunderschöne Landschaften finden. Natürlich ist das ein Risiko! Aber Leben ist immer Risiko! Jule ist bereit, Risiken einzugehen, wenn das Ziel lohnend erscheint.

Eine Laudatio heißt Laudatio, weil sie dazu gedacht ist, eine bestimmte Person zu loben. In diesem Fall also ist es Juliane Nagel, der heute der Lysistrata-Friedenspreis der LISA, der feministischen Landesarbeitsgemeinschaft der LINKEN Sachsen, überreicht wird. Es ist ganz und gar kein bloßes Lob, wenn ich behaupte, dass mich Jule keineswegs an einen Friedensengel erinnert, sondern eher an zwei Worte aus dem Neuen Testament. „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ heißt es bei Matthäus 10, Vers 34. Und: „Meinet ihr, dass ich hergekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht.“ steht bei Lukas 12, Vers 51. Wer wirklich Frieden schaffen will, sei es der Friede nach außen oder der im Inneren, der oder die, so lehrt uns Lysistrata, muss den Mut zu ungewöhnlichen Maßnahmen haben und muss es verstehen, die Machtlosen gegen die Mächtigen zu sammeln.

So erlebe ich Jule bis auf den heutigen Tag. Als unermüdliche Kommunikatorin, die die disparaten Kräfte der Schwachen bündelt und ihr gemeinsames Handeln fördert. Ihr Revier ist die Großstadt, genauer: der Stadtteil Connewitz. Dort können wir gegenwärtig auf Aufklebern lesen: „Connewitz hat eine lange Tradition der Widerspenstigkeit, aber auch der Freiheitsliebe, der Solidarität und der Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Das teilen wir.“ Groß über diesem Text steht: „Connewitz bleibt rot! Richtig rot!“ Der Aufkleber stammt aus dem Linxxnet. Und – natürlich! – das Linxxnet ist undenkbar ohne Jule.

ConnewitzBleibtRotNB

Aber: es gibt kein ruhiges Hinterland! Auch darum, dass das nicht nur ein Spruch bleibt, kümmert sich zuverlässig Jule. Auch wenn das bedeutet, die Zwietracht zu bringen. Ob es darum geht, antifaschistische Aktivitäten in der Provinz zu unterstützen, oder ob es darum geht, Solidarität mit von der Abschiebung bedrohten Flüchtlingen zu organisieren: wir werden Jule stets in der vordersten Reihe finden, obwohl sie sich wahrlich nie in den Vordergrund drängelt.

Ich beglückwünsche deshalb LISA Sachsen zu ihrer Entscheidung, den diesjährigen Lysistrata-Friedenspreis an Juliane Nagel zu verleihen. Ihr hättet keine würdigere Preisträgerin finden können. Obwohl ich vor dem Wort „Würde“ in Zusammenhang mit Jule fast schon wieder zurückschrecke. Wir alle aber, die wir hier in diesem Saal versammelt sind, können stolz darauf sein, Juliane Nagel in unseren Reihen zu haben, dass sie es so lange mit uns ausgehalten hat. Ich jedenfalls wünsche mir von Herzen, dass du, Jule, noch lange Zwietracht säen mögest und uns auf neue Wege lockst.


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