Für eine Linke, die sich auf die “Welt der Arbeiten” konzentriert

Die ArbeiterInnen zwischen Globalisierung und Territorialisierung, ihre Auslöschung als politisches Subjekt – darum, aber auch um die Wiederaufnahme der militanten Untersuchung, ging es auf einem Kongress, den das Zentrum für Staatsreform (Centro per la riforma dello Stato, CRS), die Vereinigung für die Erneuerung der Linken (Associazione per il rinnovamento della sinistra, ARS) und die linke Tageszeitung Il Manifesto am 3. Oktober im norditalienischen Brescia organisiert haben. Wir dokumentieren einen Diskussionsbeitrag von Mario Tronti (geboren 1931 in Rom), in den 1960er Jahren einer der bedeutendsten Theoretiker des Operaismus.

Für den 3. Oktober haben wir uns in Brescia verabredet. Paolo Ciofi hat bereits in Il Manifesto vom 18.9.08 davon gesprochen. Es ist der Beginn eines Projekts, eines Untersuchungsvorhabens neuer Art. Das Thema: Arbeit und Politik. Denn die Auseinandersetzung damit ist tatsächlich neu – was einiges aussagt über unsere gegenwärtige Lage. Was einmal eine althergebrachte Überzeugung war, stellt sich heute als völlig neuartige Feststellung dar: dass nämlich die Arbeiter entweder als politische Kraft existieren oder überhaupt nicht. Die politische Nichtexistenz der Arbeit ist natürlich ein Problem der Linken, aber sie ist auch ein Problem der Gesellschaft und des Staates. Sie ist das eigentliche Thema der Zivilisationskrise. Wenn wir nicht so an die Sache herangehen, werden wir auch den Kompass nicht finden, mit dem wir uns auf der offenen See des Weltkapitalismus zu orientieren hoffen.

Dort geht es wieder einmal stürmisch zu, und das aus Gründen, die einzig mit diesem Weltkapitalismus selbst zu tun haben. Es ist schmerzlich, heute beobachten zu müssen, dass es dem Klassenfeind so wenig wohl geht wie es ihm gelingt, für das Wohlergehen der Mehrzahl seiner Subalternen zu sorgen, dass aber seine Probleme sämtlich nur auf seine Binnenstruktur zurück zu führen sind. Im Grunde war auch die Arbeitskraft Teil dieser Binnenstruktur des Kapitals. Aber sobald sie die abgetragenen Kleider des Mehrwertproduzenten gegen die Weste desjenigen tauschte, der politischen Wert realisiert, bedrohte die Arbeitskraft, wie es früher hieß, die bestehende Ordnung und ließ etwas ahnen, das anders war als diese Ordnung und jenseits davon lag.

Jetzt hingegen sind die kapitalistischen Widersprüche nie mehr als Konflikte zwischen verschiedenen Fraktionen der herrschenden Kräfte, die mit einander abrechnen wollen: Wachstum der Finanzmärkte gegen Realökonomie, Liberalisierung gegen Regulierung und umgekehrt, Markt und/oder Staat, oder auch die weltweite Verteilung der Energieressourcen, bei der einige Teile der Welt gegen andere stehen. Diese Widersprüche bewegen sich stets innerhalb eines Verständnisses gesellschaftlicher Verhältnisse, in dem das Kommando der privaten oder öffentlichen Unternehmensleiter und die bloß ausführende Rolle der Arbeiter als alternativlos ausgegeben werden.

Wie soll das Thema Arbeit wieder in den Mittelpunkt der politischen Agenda gerückt werden? Und mit wem? Die Antwort auf die zweite Frage scheint einfach: mit den ArbeiterInnen selbst. Indem man sich wieder bekannt macht mit diesen Unbekannten, indem man sie wieder sprechen lässt, diese Stummen. Indem man den Ort der Arbeit wieder in die Nicht-Orte (Anspielung auf die Theorie des Ethnologen Marc Augé, vgl. “Orte und Nicht-Orte”, Frankfurt a.M. 1994; d. Übers.) der heutigen Politik hineinträgt. Es besteht kein Mangel an empirischen Untersuchungen, man müsste also nicht bei Null anfangen. Zum Glück gibt es die Sozialwissenschaften: Es fehlt nicht an Daten und Zahlen, auch Arbeiteruntersuchungen sind in regelmäßigen Abständen vorgenommen worden, zuletzt von der FIOM (italienische Metallarbeitergewerkschaft; d. Übers.).

Woran fehlt es also? Was fehlt, ist eine politische Deutung der Situation, die ernsthaft, hellsichtig, realistisch und unideologisch ist, die weder der Vergangenheit nachhängt noch bloß auf Wahlergebnisse schielt. Die berühmten Transformationen der Arbeit sind wie die ebenso berühmten Transformationen des Kapitalismus: Nachdem wir sie nach allen Seiten hin diskutiert haben, ändert sich trotzdem nichts. Die ChronistInnen des Sozialen finden sich ein, um die Lage der Dinge zu beschreiben: Das Feste ist dem Flüssigen gewichen, das Bodenständige und Handfesten dem, was sich in Luft auflöst. Alles muss flexibel sein, die Produktion wird molekular. Die Macht ist überall und nirgends wie der Heilige Geist, weil sie jetzt Mikro- und nicht mehr Makromacht ist. Und dann noch das Immaterielle, das Kognitive, die Politik, die jetzt bìos (griechisch Leben, Anspielung auf Michel Foucaults Begriff der Biopolitik; d. Übers.) geworden ist, zugeschnitten auf das asoziale Individuum, das nicht viel zu tun hat mit Menschen aus Fleisch und Blut, die sich organisieren, um zu kämpfen.

Mit engelhafter Geduld lesen wir das alles und hören es uns an, auf dass uns bloß nichts, womit wir noch nicht vertraut sind, entgehe. Was tun mit der Ausbeutung der Arbeit? Sollen wir an ihr festhalten, sie wie Staub unterm Teppich der guten Manieren verstecken? Oder sollen wir wieder anfangen, sie zu denunzieren, und nachweisen, dass sie es ist, die objektiv und materiell die zersplitterten Arbeitsverhältnisse der Gegenwart zu einer Einheit zusammenfügt? Oder ist es etwa nicht der gesellschaftliche Typ des Ausgebeuteten, der sie alle vereint: den Arbeiter der Großfabrik, die Angestellte des kleinen Dienstleistungsbetriebs, den jungen Prekären im Call Center, die junge Frau mit Hochschulabschluss, die als Babysitter arbeitet, die Lehrerin oder Professorin, die zur Arbeit pendelt und auf eine Festanstellung wartet, den Arbeiter, der für eine der unzähligen Baufirmen sein Leben riskiert, den eingewanderten Hilfsarbeiter des italienischen Maurers, den Techniker mit befristetem Forschungsauftrag und den als freier Mitarbeiter skandalös unterbezahlten oder auch gänzlich unbezahlten Dozenten, bis hin zum Selbstständigen, der, im Gegensatz zu den anderen, das Privileg hat, sich selbst ausbeuten zu dürfen. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Die Frage, was es bedeutet, nach dem Niedergang der Arbeiterklasse zu arbeiten, ist dieselbe wie die, was es bedeutet, nach dem Niedergang der Arbeiterbewegung links zu sein. Und das ist nun tatsächlich ein epochales Problem. Wenn es stimmt, dass die politische Zentralität des Massenarbeiters der des Massenbürgers gewichen ist, dann stellt sich auf dem Feld der menschlichen Arbeit eine gewichtige anthropologische Frage. Die ideologische Hegemonie der Rechten – dein Interesse fällt mit dem deines Chefs in eins, und du handelst besser allein als mit den anderen zusammen – macht nicht halt vor den Fabriktoren, so wie sie auch vor der Haustür nicht stehen bleibt, hinter der die heilige Familie wohnt. Diese Ideologie verschafft sich Zutritt, dringt ein, besetzt und erobert, greift auf die Seele zu, wenn da kein aus kollektiven Kräften zusammengesetzter Körper ist, der sie zurück drängt und ihr die Logik einer organisierten Solidarität entgegensetzt.

Der materielle Sachverhalt der subalternen Arbeit – sei sie nun selbstständig oder unselbstständig, unbefristet oder prekär – muss jetzt in Beziehung gesetzt werden zu einer neuen politischen Situation, dass es nämlich die Mittelschicht nicht mehr nötig hat, eine eigenständige soziale Schicht zu sein, weil sie zu einer weit verbreiteten demokratischen Mentalität geworden ist. Die Mittelschicht ist eine Illusion, ein Schleier, und die Vertreter einer glaubhaften und praktikablen Alternative haben die Aufgabe, ihn zu zerreißen. Aber wer verurteilt heute die Übel der Gesellschaft? Ein paar kostbare Ansätze politischer Bewegung, der eine oder andere vereinzelte Besserwisser von Gelehrtem, einige wenige Pfaffen, ein paar lobenswerte karitative Basisgruppen. Es fehlt die mächtige Stimme eines Subjekts von wirklicher Bedeutung, eines Subjekts, das auch dafür sorgt, dass seiner mit Konsens und gedanklicher Anstrengung gewappneten Autorität Bedeutung beigemessen wird. Arbeit und Politik sind der Punkt, an dem es anzusetzen gilt, um den zerrissenen Faden wieder aufzunehmen und das Gewebe einer neuen Organisation zu flechten.

Um diesen Punkt herum kann alles entstehen, können wie auch immer vielfältige Diskurse und Erfahrungen Gestalt annehmen, aber ohne ihn entsteht nichts. Im Grunde handelt es sich um eine politisch-kulturelle Schlacht. Das erklärt auch, warum eine Einrichtung wie das von Pietro Ingrao (in den 1960er und 1970er Jahren wichtiger Vertreter des linken Flügels der KPI, heute Mitglied von Rifondazione Comunista; d. Übers.) geschaffene Zentrum für Staatsreform sich dieses Themas annimmt. Wir können auf eine beachtliche Tradition zurückblicken. Doch es handelt sich um eine Zwischenlösung, solange die Initiative nicht wieder von der praktischen Politik ausgeht. Natürlich muss man die ArbeiterInnen wieder sprechen lassen, auch über neue Formen der Mit-Untersuchung (conricerca, in den 1950er und 1960er Jahren entwickelte Form der militanten Untersuchung; d. Übers.). Aber man muss auch wieder anfangen, mit den ArbeiterInnen zu sprechen, mittels Programmen und Projekten, die sie unmittelbar, auf existenzielle Weise angehen.

Und das ist der Punkt, an dem die in der Linken gebräuchlichen Organisationsformen praktischer Politik nicht funktionieren: Sie reagieren nicht auf die Handlungsbefehle, die vom Thema Arbeit und Politik ausgehen. Die jüngsten Enttäuschungen bezeugen das. Die Demokratische Partei (Partito Democratico, PD) hat von anderen Dingen gesprochen, das linke Parteienbündnis Sinistra Arcobaleno (Regenbogenlinke) hat überhaupt mit niemandem gesprochen, und das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass man sich in eine Sekte zurückzieht, die großzügig jeden Abweichler aufnimmt, der sich zur Neubegründung des Kommunismus bekennt. Dagegen ist eine andere Linke, die sich auf das Feld der Arbeit konzentriert, notwendig – weshalb es sie auch möglich zu machen gilt. Aber auch das ist eher als Übergang denn als Ziel zu verstehen.

Wir haben einmal die Formel “Welt der Arbeit” verwendet. Heute sprechen wir mitunter von einer “Welt der Arbeiten”. Da es sich aber nach wie vor um eine Welt handelt, brauchen wir auch nach wie vor eine Repräsentation dieser Welt, und zwar eine, die auf der Höhe der Zeit ist. Um es in einfachen Worten zu sagen, damit es auch einfache Menschen verstehen: Wir brauchen eine große politische Kraft, eine im Land, wie es real beschaffen ist, verwurzelte Volkslinke, die massenhaftes Vertrauen genießt, und zwar nicht nur bei den Wahlen, sondern vorher noch, also auf gesellschaftlicher und nicht bloß auf wahlpolitischer Ebene – eine moderne Partei der ArbeiterInnen, die ihren politischen Stolz darauf gründet, sich auch genau so zu bezeichnen. Dann werden wir auch die eine oder andere Schlacht verlieren können: Wenigstens werden wir es im Bewusstsein tun, einen gerechten Krieg zu führen.

Mario Tronti

Il Manifesto, 30.9.08; aus dem Italienischen übersetzt von Max Henninger
analyse und kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis a.k.i Verlag für analyse, kritik und information GmbH, Rombergstr. 10, 20255 Hamburg
Wir danken dem Verlag für die Nachdruckgenehmigung


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