Zahlreiche Antifaschisten liesen sich den Nazi-Aufmarsch nicht gefallen.

Zahlreiche Antifaschisten liesen sich den Nazi-Aufmarsch nicht gefallen.

Für den 3. Oktober hatten Neonazis des “Freien Netzes”, einer militanten Strömung außerhalb der NPD, zu einer Demonstration in Geithain aufgerufen. Ihr großspuriges Motto: “Revolution ist machbar!”. Der Zusatz, die Forderung “Nationaler Sozialismus jetzt!”, stellte eine kaum verhüllte Anlehnung an die NS-Ideologie dar. Indes waren es nur knapp 180 Neonazis, die der programmatischen Rede zu Beginn lauschten und dann mit einstündiger Verspätung losmarschierten. Während die “deutsche Tugend” Pünktlichkeit also offenkundig außer Kraft gesetzt worden war, klappte es wenigstens noch mit der Disziplin: auf Kommando formierten sich die Teilnehmer in Viererreihen. Mit der ersehnten Revolution aber wird es wohl vorläufig nichts werden, wenn die eigenen Anhänger am Feiertag entweder gar nicht oder zu spät aus dem Bett kommen.

Das hatten jedoch die fast vierhundert jungen Leute geschafft, die zwar mit weniger Disziplin, dafür jedoch bunt und laut durch Geithain zogen. Auf Bitten der jungen Leute aus dem örtlichen Jugendclub hatten sie sich mit mehreren Reisebussen und PKWs auf den Weg nach Geithain zu einer antifaschistischen Demonstration gemacht. Laut und friedlich blieb es auch bei den Reden auf dem Marktplatz. Laut und friedlich ebenso bei der folgenden fast zweistündigen Besetzung des Marktplatzes mit dem Ziel, den Nazis den ungehinderten Weg zu verwehren.

Erfreulich die starke Beteiligung aus dem Ortsverband der LINKEN. Mit eigenem Transparent bildeten die Genossinnen und Genossen die Spitze des Zuges. Bereits zuvor hatten sie ihre Erfahrung mit dem aktuellen Verständnis der Behörden vom Begriff “Rechtsstaat” gemacht. Entlang der Marschroute der Neonazis wollten sie Plakate der Partei mit der Aufschrift “Nazis raus aus den Köpfen!” hängen. Und stellten fest, dass die Polizei hinter ihnen diese wieder abhängte. Angeblich stellte das Bildmotiv, ein Skinhead mit einrasierten SS-Runen auf dem Hinterkopf, Werbung für eine verfassungswidrige Organisation dar. Das Plakat wird unbeanstandet seit 15 Jahren genutzt, 300.000 Exemplare und eine Million Aufkleber mit dem Motiv sind gedruckt worden. Der Landesverband der LINKEN wird sich mit einer Feststellungsklage wehren und den skandalösen Vorgang im Landtag thematisieren.

Geithain gegen Nazis

Geithain gegen Nazis

Sieht man einmal von dem Transparent “Gemeinsam gegen Nazis!” ab, das von der Rathausfassade wehte, war vom Geist des Aufrufs, den der Stadtrat zwei Tage zuvor verabschiedet hatte, herzlich wenig zu spüren. Darin hieß es: “Wir wollen in unserer Stadt eine Atmosphäre des Miteinander, der gegenseitigen Achtung und Toleranz, der Friedfertigkeit, Solidarität und gegenseitigen Rücksichtnahme. Wir lassen keinen Bereich zu, in dem das Grundgesetz außer Kraft gesetzt wird und das Gemeinwesen bedroht werden soll. Wir lassen nicht zu, dass nationale Überheblichkeit und Hass erneut das Handeln bestimmen. Wir treten aktiv für die Schaffung solcher Bedingungen in der Stadt ein, die die Entwicklung junger Menschen zu gebildeten, selbstbewussten, eigenständig, verantwortungsvoll handelnden Persönlichkeiten unterstützen. Wir fördern Projekte und Aktivitäten aller Art zur Aufklärung über den Nationalsozialismus und Neonazismus. Wir initiieren ein breites Bündnis aller gesellschaftlichen Kräfte gegen Extremismus.” Hehre Ziele, doch an diesem Tag gab es noch nicht einmal Ansätze zu ihrer Umsetzung in der Stadt. Für Bürgermeisterin Romy Bauer (CDU) waren offenbar alle Demonstrierenden an diesem Tag einfach “Extremisten”, die es — so die Erklärung des Stadtrates — zu bekämpfen gelte. Die geforderten “gebildeten, selbstbewussten, eigenständig, verantwortungsvoll handelnden Persönlichkeiten” fanden sich am 3. Oktober jedenfalls nur unter den Jugendlichen aus dem Jugendclub. Für die Honoratioren der Stadt reichte es wohl aus, dass die Kirchen des Ortes am Vorabend ein ökumenisches Friedensgebet veranstaltet hatten.

Etwa 160 Nazis fanden den Weg nach Geithain.

Etwa 160 Nazis fanden den Weg nach Geithain.

Die Probleme der Stadt aber werden sich durch Beten nicht lösen lassen. Die Neonazis sind ein solches reales Problem in Geithain. Die Stimmen für die NPD lagen bei der Kreistagswahl über dem Kreisdurchschnitt. Es existiert eine Gruppe des “Freien Netzes” ebenso wie eine Naziskin-Band vor Ort. Im Februar fand ein Fußball-Turnier der Neonazis mit achtzig Teilnehmern in einer Sporthalle in Geithain statt. Am 3. Oktober verhinderten die Antifaschistinnen und Antifaschisten, dass die Neonazis das Bild in Geithain beherrschten. Doch was wird die Stadt unternehmen, um auf künftige Ereignisse dieser Art dann besser vorbereitet zu sein. Eines ist sicher: Ignoranz ist keine Strategie. Und der Bürgermeisterin wird es auf Dauer nicht helfen, den Kopf in den Sand zu stecken.


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