Ein Tümpel, gerade mal etwas größer als ein kleiner Garten. Erstes Herbstlaub auf dem Wasser; Goldfische, die sich an der Oberfläche sonnen; Enten, die sich lärmend zanken. Ein Mann steht am Ufer, ein älterer Herr, der lange Zeit auf das Wasser geblickt hat. Dann dreht er sich um, sagt: "Das ist doch ein Gen-Defekt. Das kann man nicht reparieren. Man muss sie wegsperren für immer."

Auf einer Bank gegenüber sitzt ein junges Pärchen. Zwischen ihnen ein Kinderwagen. Er wippt ihn leicht mit dem Fuß. "Wegsperren für immer? Das ist viel zu wenig für solche Schweine", sagt er.

Es ist Mittwochnachmittag in Leipzig-Stötteritz. In diesem Teich am Wäldchen fand ein Spaziergänger am Donnerstag vor einer Woche die Leiche der achtjährigen Michelle. Sie wurde seit Montag vermisst, war am späten Nachmittag nicht von Ferienspielen nach Hause gekommen. Am Donnerstag fand man die Leiche, Sachsens Polizeipräsident Bernd Merbitz half mit, sie aus dem Wasser zu ziehen. Abends sah man ihn im Fernsehen, bebend, mit sich ringend.

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Am Geländer des kleines Teiches liegen Stofftiere, ein Meer aus Blumensträußen, Briefe von Kindern flattern an den Metallstangen. Kerzen brennen. Und dazwischen Flugblätter, Wut und Hass: "Todesstrafe für Kinderschänder", fordern sie. "Wollt ihr es nicht kapieren? Kinderschänder kann man nicht therapieren."

"Die Stadt bebt", hat der Polizeipräsident am Montag gesagt. In Stötteritz, Reudnitz, in Anger-Crottendorf, in den Stadtteilen, wo das kleine Mädchen lebte und zur Schule ging, dort brodelt es.

"Die Todesstrafe, was denn sonst", sagt der Mann hinterm Tresen vom Imbiss Tirona. Er liegt direkt neben der 25. Grundschule an der Martinstraße. "Jeder, der schwarz Straßenbahn fährt, wird bestraft. Aber so einer darf frei herumlaufen", sagt der am Tresen. Gerade holen Eltern ihre Kinder von der Schule ab. Keines geht mehr allein. Alle gehen an der Hand der Eltern. "Solange die das Schwein nicht haben", sagt eine Mutter, auf der Hüfte einen Säugling, an der Hand einen Jungen.

Die Polizei schweigt

Das Schwein. Die Leipziger Polizei hat bislang nichts über das Verbrechen bekanntgegeben. Kein Detail, kein Wort. Nur: Michelle wurde ermordet. Am Wochenende hatten die Ermittler eine Art Nachrichtensperre verhängt, um den Täter im Unklaren über das Wissen der Polizei zu lassen. Über das Verbrechen, über den Tatort, über den Täter, über ein Motiv, ob Sexualstraftat oder nicht – die Polizei schweigt. Eine Sonderkommission aus 177 Polizisten ermittelt. Es gibt mehr als 700 Hinweise.

Heute vor einer Woche, am Freitag, entdeckten Ermittler Haare im Teich – von wem sie stammen, ob von Opfer oder Täter: Schweigen. Man fand eine Grube im Stötteritzer Wäldchen, einen Meter zwanzig lang, fünfzig Zentimeter breit, dreißig tief. Der Täter, so eine Spekulation, könnte ein Grab für das Kind geplant haben.

Während die Polizei nach Hinweisen und Fakten sucht, um den Mord aufzuklären, sind andere längst weiter: Sie machen mit der Leiche Politik. Sie haben längst ihre Täter: einen Kinderschänder und den Rechtsstaat, der sowieso zu nichts taugt.

Die Neonazi-Szene hat das Thema entdeckt und schlachtet es aus. Zwei Demonstrationszüge gab es in Leipzig. Sie begannen an der Schule, sie endeten am Weiher. An einem nahmen 500 Menschen teil. 300 davon, schätzt die Polizei, gehörten zur Neonazi-Szene. Sie trugen Fackeln, sie waren schwarz gekleidet wie Autonome, sie hielten Transparente: "Todesstrafe für Kinderschänder."

Istvan R. war dabei, Michelles Onkel. Er hielt eine Rede. Ein junger dürrer Mann mit weicher Stimme. Er ist ein jüngerer Bruder von Michelles Mutter und gilt als führendes Mitglied bei den rechtsextremen "Freien Kräften" in Leipzig. Ein "volkstreuer Aktivist" sei er, steht später auf einer Neonazi-Internetseite.

Onkel Istvan spricht an jenem Abend von der gesunden Volksgemeinschaft, von der heiligen Aufgabe aller deutschen Menschen, für ein behütetes Aufwachsen aller Kinder zu sorgen. Er spricht über moderne Hirnforschung und erklärt, dass das sexuelle Verlangen nach Kindern unheilbar sei. Er spricht über die notwendige Todesstrafe. Vermutlich im November muss er vor Gericht. Wegen des Verdachts der Körperverletzung, schreibt die Leipziger Volkszeitung. Er soll mitgemacht haben bei einem Überfall auf ein Jugendzentrum.

An jenem Abend vermischen sich im Stadtteil Reudnitz Ärger und Trauer ehrlich erschütterter Menschen, die Angst der Eltern und Kinder vor einem frei herumlaufenden Mörder – und das kalte Kalkül der Neonazis: Sie kochen die Wut hoch, auf den Mörder und noch mehr auf den Rechtsstaat, der ja angeblich alle laufenlässt oder der kläglich versucht, Schwerstverbrechern mit "Maltherapien" beizukommen. So zieht er dahin, der trübe Protestmarsch: Junge Männer mit Transparenten "Nationaler Sozialismus, jetzt" und die Leute aus dem Viertel, die Eltern, die Nachbarn, Kinder. Sie trotten hinterher.

Das Thema geht in den Bauch

"Das waren nicht die einzigen Nazi-Demonstrationen", sagt Kerstin Köditz. Sie kommt aus dem Leipziger Land, ist Links-Abgeordnete in Dresden. Auch in Zittau, Pirna und Zwickau hätten die Rechten mobil gemacht. "Das Thema geht in den Bauch", sagt sie. "Ich fürchte, die NPD wird es die nächsten Monate groß ausschlachten. Die werden das zu ihrem Sprungbrett machen." Ausgerechnet die NPD, meint sie, deren Landtagsabgeordneter Matthias Paul wegen des Vorwurfs, er habe Kinderpornografie auf dem Computer gehabt, zurücktreten musste.


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