Kein Grund zur Entwarnung. Auch wenn sich die AfD spaltet – man muss weiter mit ihr rechnen. Ein Gespräch mit Kerstin Köditz

Rund 2.000 Mitglieder sollen der »Alternative für Deutschland« (AfD) infolge des weiteren Rechtsrucks auf dem vergangenen Bundesparteitag bereits den Rücken gekehrt haben. Hat die neue AfD-Vorsitzende Frauke Petry mit ihrer Kampfkandidatur gegen den AfD-Gründer Bernd Lucke das Ende der Partei eingeläutet?

Frau Petry hat zwar als gescheiterte Unternehmerin nicht bewiesen, dass sie rechnen kann, aber nach den bisherigen Erfahrungen ist sie durchaus berechnend. Dass ein relevanter Prozentsatz nach der Übernahme der Partei – sie selbst geht von bis zu 20 Prozent aus – diese verlassen würde, haben Petry und ihre Mitstreiter durchaus erwartet. Und möglicherweise sogar erhofft. Ihre Rechnung: der quantitative und vor allem qualitative Aderlass wird ausgeglichen durch ein Verschwinden der innerparteilichen Querelen.

Diese Rechnung könnte aufgehen, da es ihr und dem strategischen Kopf Alexander Gauland gelungen ist, alle Strömungen einschließlich einiger wirtschaftsliberaler Feigenblätter in die neue Führung einzubinden. Da auch das meistbeschäftigte Organ der Partei, das Bundesschiedsgericht, nach dem Parteitag fest in rechter Hand ist, können die Störfaktoren effektiver minimiert werden.

Aber auch wenn der sich vollziehende Braindrain bei der AfD schlimmere Folgen nach sich zieht, als von dem Dreigestirn Petry,Storch,Gauland erhofft, wäre das keineswegs der Anfang vom Ende der AfD. Schließlich gibt es weiterhin – noch für vier Jahre! – drei Landtagsfraktionen mit entsprechenden Finanzen und Posten. Damit kann auch der Verlust potenter Geldgeber ausgeglichen werden.

Ob das ausreicht, bei weiteren Wahlen Erfolge feiern zu können und möglicherweise sogar in den Bundestag einzuziehen, hängt nicht nur vom Zustand der AfD ab, sondern nicht zuletzt von den gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Das gilt für die nationalstaatliche wie auch für die europäische Ebene.

Kann es der AfD gelingen, aus der rassistischen Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die aktuell in vielen Kommunen zu beobachten ist, politisches Kapital zu schlagen?

Zweifellos. Es sind ihre Themen, die im Mittelpunkt der rassistischen Welle stehen. Es ist nicht unbedingt der Kern ihrer Klientel, der sich bei den Kundgebungen und Demonstrationen austobt, aber sie kann davon profitieren. Auch weil die NPD als bisheriger Hauptnutznießer inzwischen zu schwach ist, um flächendeckend präsent zu sein. Noch nicht einmal in Sachsen. Voraussetzung wäre allerdings, dass die AfD bereit wäre, den bisherigen offiziellen, halbherzigen Abgrenzungskurs z.B. gegenüber Pegida aufzugeben.

Luckes Anhänger liebäugeln mit der Gründung einer neuen Partei. Räumen Sie einem derartigen Projekt Chancen ein?

Lucke hat in den vergangenen zwei Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er nicht weiß, auf welche Weise eine Partei funktioniert. Das Rednerpult eines Hörsaals ist nun einmal etwas anderes als eine Parteizentrale. Bei einer Vorlesung redet nur einer – auch wenn es dummes Zeug ist. In einer Partei dürfen alle reden – auch wenn es dummes Zeug ist.

Bisher ist der Zuspruch zu einer solchen Neugründung geringer, als von dem Kreis um Lucke und Hans-Olaf Henkel wohl erwartet. Trotz der anhaltenden Euro-Krise ist diese – anders als vor zwei Jahren – nicht mehr als zentrales Thema im politischen Diskurs. Auf die anderen Themen aber, die nationalistisch nutzbar wären, mag er nicht aufspringen. Der einzige Pluspunkt, den seine avisierte Neugründung für sich verbuchen kann, ist die Unterstützung durch etliche relevante Geldgeber und wohl auch durch den Verband der Familienunternehmer. Ich bezweifle entschieden, dass das für einen Erfolg hinreichende Bedingungen sind.

Aber würde eine Neugründung nicht auch den Vorteil mit sich bringen, dass die rechte Parteilandschaft noch zersplitterter würde?

Wenn ich einen Vorteil darin sähe, müsste ich mich über jede rechte Neugründung freuen. Früher einmal war es in der Tat so, dass nur Platz für eine erfolgreiche Rechtsaußenpartei war. Bei günstigen Rahmenbedingungen ist das inzwischen anders. Bei der Landtagswahl in Sachsen 2014 gab es in den Monaten davor eine rassistische Stimmungsmache in Bautzen wegen eines geplanten Flüchtlingsheimes. Im dortigen Wahlkreis erzielten sowohl AfD als auch NPD ihr jeweils bestes Ergebnis im Freistaat. Elf Prozent für die NPD, fast 15 für die AfD. Auf eine Zersplitterung will ich lieber nicht hoffen, da müssen wir schon selbst etwas tun.

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