Nick Greger gehörte in den 1990er Jahren zu den umtriebigsten Neonazis in Sachsen. Bundesweit bekannt wurde der heute 36-Jährige durch seinen Szene-Ausstieg, der schließlich 2005 in seinem Insider-Buch “Verschenkte Jahre” gipfelte. Es gibt seit längerem berechtigte Zweifel daran, ob Greger sich von allem, was er im Buch beschreibt und sein Leben als Nazi ausmachte, abgewandt hat. Oder ob er nur das Feindbild wechselte.

Viel entscheidender ist, was nicht im Buch, aber neuerdings feststeht: In den Jahren 2001 bis 2003 hat Greger als “Vertrauensperson” für das Berliner Landeskriminalamt gearbeitet. Das will er, in dessen Keller die Polizei 2000 eine Rohrbombe gefunden hatte, nicht so richtig bemerkt haben. Er behauptet dafür, bereits im Jahr 1996 für den sächsischen “Verfassungsschutz” gespitzelt zu haben. In Gregers Buch steht, dass er damals gerade in Dresden eine “Kameradschafts”-Gruppe aufgezogen hat und sich zur NPD hingezogen fühlte.

“Sensibilisierungsgespräch” mit Ex-Spitzel

Was Greger allerdings heute erzählt, wirft so viele Fragen auf, dass der Begriff Skandal ganz nahe liegt. Anfang Dezember vergangenen Jahres hatte er einer verschwörungstheoretischen Zeitschrift ein langes Interview gegeben, in dem sich Fakt und Fiktion schwer trennen lassen. Greger berichtete dort, zwei Beamte des LKA Berlin hätten ihn neulich ganz unerwartet aufgesucht und ihn irritiert zurückgelassen hätten. Denn die Polizisten sollen erzählt haben, dass sie zu seinem “Schutz” Akten geschwärzt hätten und dass er nun gut auf sich aufpassen müsse. Greger kam sich eingeschüchtert vor.

Den ominösen Besuch hat es wirklich gegeben. In Berlin legt man aber Wert auf die Feststellung, dass es sich um ein ganz sachliches “Sensibilisierungsgespräch” gehandelt habe, wie man es zwischenzeitlich mit einer Reihe ehemaliger “Vertrauenspersonen” führen “musste”. Denn jetzt, wo über V-Leute öffentlich geredet wird, sei deren Gefährdung nicht ganz auszuschließen. Um eine Manipulation von Akten oder eine Einschüchterung Gregers sei es dagegen nicht gegangen. Hier steht Aussage gegen Aussage.

Zeitlicher Zusammenhang mit NSU-Ausschuss in Sachsen

Zur Einordnung wichtig sind zwei Umstände. Erstens: Das Gespräch mit Greger soll am 31. Oktober 2013 stattgefunden haben, genau eine Woche, nachdem zwei Berliner LKA-Beamte im sächsischen NSU-Ausschuss vorgeladen waren – und sich dort an sehr wenig erinnern konnten. Greger behauptet nun, einen der beiden Polizisten – Kriminalhauptkommissar Michael Thur – zu kennen. Gegenüber ihm habe er “umfangreich” ausgesagt. Thur wird voraussichtlich am 31. März noch einmal vor dem sächsischen NSU-Ausschuss erscheinen. Dann wird sich zeigen, ob er bei seiner Aussage bleibt, sich damals ausschließlich mit “Musik” beschäftigt zu haben. Bei Greger ging es, wie gesagt, um eine Bombe.

Es ging, genauer gesagt, um den Verdacht, dass sich in Berlin und Brandenburg eine rechtsterroristische Zelle gebildet haben könnte. Greger war Anfang 2000 in die Hauptstadt gezogen und hatte dort Bekanntschaft mit Carsten S. gemacht, also dem V-Mann “Piatto” des brandenburgischen “Verfassungsschutzes”. Wer dann wen angestiftet hat, Anschläge zu planen, oder wer deshalb wen bei welcher Behörde verpfiffen hat, kann dahingestellt bleiben. Greger behauptet in seinem Buch, er sei von S., der demnach als Lockspitzel fungiert hätte, in eine Falle gelockt worden. Allerdings hatte sich Greger schon vor der Bekanntschaft mit “Piatto” für “Wehrsport” interessiert und war durch Gewalttaten aufgefallen.

Spitzel gaben Hinweise auf den NSU

Faustdick ist der zweite Umstand. Das LKA Berlin hat nicht nur Greger, sondern gleich allerhand sächsische Nazis als Spitzel angeworben. Allein im Freistaat waren es (Greger gar nicht mitgerechnet) zumindest vier Stück. Davon ist heute einer gut bekannt: Thomas S. aus Chemnitz, der mittlerweile in Dresden wohnt. Dieser Thomas S. war im November 2000 festgenommen worden, weil er an einer illegalen CD-Produktion der Rechtsrock-Band “Landser” beteiligt war. Die Ermittlungen führte das LKA Berlin, und auch diesmal hieß der Vernehmungsbeamte: Michael Thur. Der besteht bisher darauf, sich nicht an Thomas S. zu erinnern und schon gar nichts von “Vertrauenspersonen” gewusst zu haben.

Thomas S. war aber nicht irgendwer, sondern er gilt heute als mutmaßlicher NSU-Unterstützer und Quartiermacher für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nach deren Flucht aus Jena 1998. Zudem war er Vize-Chef der “Blood & Honour”-Sektion Sachsen. In seinen Berichten für das LKA Berlin hat Thomas S. auch Hinweise auf das “Trio” gegeben. Weitergereicht wurden diese Informationen offenbar nicht.

Sie waren nicht einmal neu. Denn über die sächsischen B&H-Leute berichtete Carsten S. bereits im Sommer 1998 dem Geheimdienst, dass sie die flüchtigen Jenaer mit Geld, Waffen und Pässen ausstatten wollen. Thomas S. und Carsten S. kennen sich also, und der wiederum kennt Greger und sie alle gehören zu einem Milieu, das man rückblickend als militant oder gar rechtsterroristisch bezeichnen würde. Damals hat man es freilich nicht getan, denn die “Verfassungsschutz”-Behörden waren sich sehr sicher, dass es in Deutschland keinen Rechtsterrorismus gibt.

Noch viel Aufklärungsbedarf

Gregers Eindruck, das Berliner LKA habe ihn mit einem “Sensibilisierungsgespräch” davon abhalten wollen, über die Rolle “Piattos” zu reden, ist damit nicht bewiesen. Aber eben auch nicht ausgeräumt. Als man Greger den Prozess machte, gab es schon einmal einen Deal: mildere Strafe, wenn er nicht auf “Piatto” zu sprechen kommt. Der war 2001 als Spitzel aufgeflogen. Den Behörden war das sehr peinlich und bringt sie bis heute in Erklärungsnot, denn 1998 wurde eine SMS abgefangen, in dem der sächsische B&H-Chef Jan W. sich nach “Bums” erkundigt. Die Spur versandete, als sich herausstellte, dass das Handy auf das brandenburgische Innenministerium angemeldet war. “Piatto”, der es bediente, war damals Freigänger und soll sich desöfteren in Chemnitz aufgehalten haben.

Ausermittelt ist da gar nichts. Und womöglich geben die neuen Enthüllungen zu Greger Anlass, noch einmal genauer hinzusehen: Als Greger 1999 gerade aus dem Knast kam, reiste er nach Südafrika. Dort sollen sich, fast zeitgleich, auch NSU-Unterstützer nach einer Zuflucht für das “Trio” umgetan haben. Das LKA Berlin will die Zusammenarbeit mit Greger übrigens eingestellt haben, weil er sich weiteren “Diensten” angeboten hat. Man weiß nicht, welchen. Aber man weiß, wohin es Greger danach abermals zog: Südafrika.

Mehr Hintergründe…

…hat Katharina König, Abgeordnete der LINKEN im Thüringer Landtag und Mitglied des dortigen Untersuchungsausschusses, in einer mehrteiligen Artikelserie zusammengetragen: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4


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