Eigentlich ist die TU Chemnitz im der Bereich der Sozialwissenschaften als besonders staatstragend bekannt. Eigentlich. Eigentlich gelangte sie durch den Umstand zu fragwürdiger Berühmtheit, dass hier die wissenschaftlich schon längst ad absurdum geführte „Extremismustheorie“ ihre Wiederauferstehung feierte und bis heute weiter lebt. Eigentlich sorgte deren Hauptvertreter, Prof. Eckhard Jesse, mit Argus-Augen als Vertrauensdozent der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung und Extremismusbeauftragter der sächsischen CDU dafür, dass stramm konservativer Wissenschaftlernachwuchs mit Doktorhut die TU verließ. Jeglichem Extremismus abhold. Eigentlich.

Denn diese Geschichte ist eine von jenen, die mit den Worten „Es war einmal“ anfängt. Inzwischen ist nämlich dem rechten Jesse Konkurrenz erwachsen. Konkurrenz von ganz rechts in Person des Geschichtsprofessors Frank-Lother Kroll (siehe Foto), zu dessen Forschungsschwerpunkten die „Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ zählt. Kroll, bekennender preußischer Monarchist und innerhalb seines Fachs keineswegs unumstritten, hatte selbst bisher mehrfach wegen seiner engen Verbindungen zur intellektuellen „Neuen“ Rechten von sich reden gemacht (siehe „Der Rechte Rand“ Nr.98, S.16). Nun wurde, ausgerechnet durch den Widerstand von Eckhard Jesse und natürlich durch den Zorn des Betroffenen, öffentlich, dass Kroll neben dem CDU-nahen Wissenschaftlernachwuchs wohl auch den der „Neuen“ Rechten anzieht.

krollSebastian Maaß heißt der Zeitgeschichtler, der sich Kroll als Doktorvater auserkoren hatte. Zweitgutachter für seine Arbeit sollte Prof. Harald Seubert aus Nürnberg sein, aktueller Präsident des einschlägig bekannten Studienzentrums Weikersheim. Kroll und Seubert sind u.a. über Preußeninstitut e.V. und Zollernkreis miteinander verbunden, beide referierten in der Vergangenheit bei den Akademien des neurechten „Instituts für Staatspolitik“. Die Dissertation von Maaß, die beide beurteilen sollten, trug den Titel „Die Geschichte der konservativen Intelligenz 1945 – heute“. So hieß sie seit einer Intervention Krolls, der wegen seines Kollegen Jesse vom ursprünglich vorgesehenen Titel „Geschichte der Neuen Rechten“ abriet.

Man könnte den 32jährigen Maaß für einen hoffnungsvollen Nachwuchswissenschaftler halten, der sich nachweislich seiner Publikationen gründlich auf den von ihm zu behandelnden Themenkreis vorbereitet hatte. Buchveröffentlichungen über die antidemokratischen Konservativen Revolutionäre Edgar Julius Jung, Arthur Moeller van den Bruck, Othmar Spann, Wilhelm Stapel und seinen Hamburger Kreis, Friedrich Georg Jünger und zuletzt über Oswald Spengler im renommierten Verlag Duncker & Humblot könnten darauf schließen lassen. Ein zweiter Blick lässt zweifeln. Der Großteil seines bisherigen Werkes wurde vom Kieler Regin-Verlag veröffentlicht, in dessen Programm sich auch Bücher der esoterischen Hitler-Verehrerin Savitri Devi und des rumänischen Faschistenführers Corneliu Codreanu finden. Auch die nationalrevolutionäre Zeitschriften „Junges Forum“ und „Hagal“ wurden bis zu ihrer Einstellung hier verlegt. Maaß betreut in diesem Kleinverlag eine eigene Buchreihe, die „Kieler Ideengeschichtlichen Studien“.

Seit einigen Jahren ist Dietmar Sokoll Inhaber des Regin-Verlages. 2004 wurde er aus der Alten Halleschen Burschenschaft Rhenania-Salingia zu Düsseldorf ausgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt war er schon längst fester Bestandteil der extremen Rechten. Er hatte zum Umfeld der „Europäischen Synergien“ gehört, einer neurechten Gruppierung, die die Treffen ihrer deutschen Sektion regelmäßig im „Collegium Humanum“ in Vlotho durchgeführt hatte. Wir erinnern uns: Das „Collegium Humanum“ ist inzwischen durch den Bundesinnenminister verboten worden. Ein Teil der früheren Aktivitäten findet jetzt unter der Tarnung als „Verein Gedächtnisstätte“ statt, früher mit Sitz in Borna (Landkreis Leipzig), inzwischen im thüringischen Guthmannshausen. Die Treffen der neuheidnischen und rassistischen „Artgemeinschaft“ Jürgen Riegers im thüringischen Ilfeld hatte er ebenso mehrfach besucht wie sein Vorgänger als Verlagsinhaber Markus Fernbach. Pikantes Detail am Rande: just an den gleichen Treffen der „Artgemeinschaft“, die die Verleger Fernbach und Sokoll besuchten, nahm auch der NSU-Helfer André Eminger teil.

In diesem Regin-Verlag hatte Maaß zwei weitere Bände publiziert, die zugleich wichtiger Bestandteil seiner Dissertation werden sollten. Es handelte sich jeweils um lange Interviews mit den neurechten Intellektuellen Hans-Dietrich Sander und Günter Maschke. Beide lassen sich auch mit viel Wohlwollen nicht als konservativ charakterisieren, sondern sind ihrem Selbstverständnis nach Revolutionäre – gegen die jetzige Gesellschaftsordnung, versteht sich. Der Titelwechsel der Doktorarbeit war also, so gesteht es Maaß unumwunden in der „National-Zeitung“ wie auch im Interview mit der „Deutschen Stimme“ der NPD ein, war also nichts als Mimikry. Sein fragwürdiges Ergebnis: auch der „radikale Flügel“ der deutschen Neuen Rechten habe den „Boden der Rechtsstaatlichkeit zu keiner Zeit verlassen“. Die Professoren Kroll und Seubert wollten das mit „cum laude“ (vulgo: zwei) benoten, Jesse sah rechtsradikale Tendenzen und weigerte sich, die notwendige mündliche Prüfung abzunehmen. Eigentlich hätte er Vorsitzender der Prüfungskommission sein sollen. Die Dissertation war damit gestorben und soll demnächst – wo wohl? – im Regin-Verlag erscheinen.

Ein kleiner Skandal, nicht der Rede wert? Ja, wenn es denn ein Einzelfall wäre. Aber es scheint sich, rechts von Jesse und seinen Extremismus-Jüngern, an der TU eine Art wissenschaftlicher Chemnitzer Front zu bilden; in Anlehnung an die Harzburger Front, die Monarchisten, deutschnationale Konservative und Nazis vereinte. Eine Übertreibung? Im Regin-Verlag erschien auch ein Band eines Benedikt Kaiser, dem Spektrum der radikalen Nationalen Sozialisten entstammend und mit abgeschlossenem Historikerstudium an der TU Chemnitz. Er hatte sich den französischen Faschisten Pierre Drieu La Rochelle als Thema seiner Abschlussarbeit ausgesucht. Co-Autor eines weiteren Bandes von ihm bei Regin sollte ausgerechnet Eric Fröhlich sein, einer der Köpfe der Nationalen Sozialisten Chemnitz. Dieser Band über den „Inselfaschismus“, die faschistischen Bewegungen in den dreißiger Jahren in Großbritannien und Irland, sollte schon längst erschienen sein, wird aber inzwischen vom Verlag nicht mehr beworben. Über den Grund kann nur spekuliert werden. Nicht auszuschließen ist, dass er in dem Umstand zu suchen ist, dass Mitautor Eric Fröhlich ein enger Bekannter des im NSU-Prozess angeklagten Ralf Wohlleben ist und deshalb bereits gelegentlich Thema in den Medien war.

Glaubt man den Informationen aus der Uni Chemnitz, so beweist diese inzwischen erhebliche Anziehungskraft für Aktivisten der „Neuen“ Rechten. Felix Menzel, Kopf des „Identitären Zentrums“ in Dresden und in seiner Zeit in Chemnitz Motor der Zeitung und gleichnamigen Website „Blaue Narzisse“ hat dort studiert. Wie Kroll und Seubert pflegt auch er enge Beziehungen zum neurechten „Institut für Staatspolitik“. Kann es da erstaunen, dass dessen Geschäftsführer, Dr. Erik Lehnert, sich gegenwärtig an der TU habilitieren will?

Konservative Intelligenz? Neue Rechte? Oder „Chemnitzer Front“ und rechte Kaderschmiede? Momentan spricht vieles für die letztgenannte Tendenz.

Der vorstehende Text ist die leicht veränderte Fassung eines Artikels, der in der aktuellen Ausgabe des antifaschistischen Magazins “Der Rechte Rand” (Nr.144, Sept./Okt. 2013) erschienen ist. Die Zeitschrift ist zu beziehen unter der Adresse Postfach 304 180, 20324 Hamburg. Eine umfangreiche Leseprobe (PDF) dieser Nummer mit Beiträgen zu den Parteien der extremen Rechten, die zur Bundestagswahl kandidieren, findet sich hier.


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