Im Landtag hat Sachsens Vizeverfassungsschutzchef zu erklären versucht,
warum die NSU-Gruppe nie gefasst wurde.
Von Tino Moritz

Dresden - Irgendwas muss schiefgelaufen sein. Jahrelang lebten als
gefährlich eingestufte Bombenbastler aus der Thüringer Neonazi-Szene
unerkannt in Sachsen. Mit Banküberfällen bestritten sie ihren
Lebensunterhalt. Vom Freistaat aus starteten sie schließlich auch ihre
Mordserie quer durch die Republik.

Erst nachdem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im November 2011 tot in einem
Wohnmobil lagen, erfuhr die Öffentlichkeit von der Existenz des
Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) - von dem zuvor auch der
deutsche Sicherheitsapparat nie etwas gewusst haben will. Olaf
Vahrenhold ist im sächsischen Verfassungsschutz seit 2004 für die
Beobachtung von Rechtsextremismus zuständig. Als Zeuge im
Untersuchungsausschuss des Landtags hat er sich gestern zwar "betroffen"
darüber gezeigt, dass mit dem NSU-Terror genau das passiert sei, was
Behörden wie das Landesamt eigentlich verhindern sollen. Konkrete Fehler
seiner Leute sah Vahrenhold jedoch nicht.

Für "kritikwürdig" befand er nur das Fehlen eines "vollständigen
Gesamtlagebilds", das die Voraussetzung einer "vollständigen Analyse des
Falls" gewesen wäre. Dazu hätte man beim federführenden Thüringen öfter
"nachhaken" müssen. Aber: "Ob dies zum Auffinden geführt hätte, ist offen."

Vahrenhold zählte auf, wie viele Observationen es bis 2000 vor allem in
Chemnitz gab, um den Aufenthaltsort des Anfang 1998 in Jena abgetauchten
Trios zu ermitteln - alles vergebens. Keine Antwort parat hatte
Vahrenhold auf die Nachfrage der Linken-Obfrau Kerstin Köditz, wie denn
eine - bislang nicht bekannte - Observation am 7. Oktober 2000 in einem
Chemnitzer Garagenkomplex ausgewertet worden sei. Dort wurden laut
Köditz zwischen 19.45 und 20.05 Uhr zwei Männer und eine Frau beobachtet
- und das, wo die ganze Zeit nach einem Trio gefahndet worden war.

Keinen Erfolg hatten die Sachsen wohl dabei, im Umfeld des Trios V-Leute
zu platzieren. Bekannt ist inzwischen eine "100er"-Liste mit Namen einer
ganzen Reihe mutmaßlicher Unterstützer. Darunter finden sich laut
Vahrenhold zehn Personen, bei denen Sachsen Anwerbeversuche gestartet,
sich jedoch immer eine Abfuhr geholt habe. "Es hat in keinem Fall eine
Zusammenarbeit gegeben", sagte Vahrenhold. Über die
"Quelleninformationen" anderer Landesämter durfte er allerdings nicht reden.

Vahrenhold beharrte darauf, dass nicht sächsische Neonazi-Strukturen wie
"Blood & Honour", "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" oder "Hammerskins" den
NSU gestützt hätten, sondern allenfalls "Einzelpersonen". Dafür wurde er
von Linke-Obfrau Kerstin Köditz harsch kritisiert. Sie sagte ihm "eine
baldige Abberufung wegen Überforderung" voraus. Davor muss er aber erst
wieder in den Ausschuss: Für den 21. Januar wurde er erneut vorgeladen.

Publikation     Freie Presse
Lokalausgabe     Chemnitzer Zeitung
Erscheinungstag     Dienstag, den 18. Dezember 2012
Seite     4

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