Innenministerium überprüft Tötungsverbrechen – Sachsen erkennt weitere Todesopfer rechter Gewalt an (mdr, 08.02.2012)

Feb 9th, 2012 | Von | Kategorie: Medienecho

Die sächsische Staatsregierung hat die Zahl der offiziell anerkannten Todesopfer rechter Gewalt nach oben korrigiert. Wie die Linken-Abgeordnete Kerstin Köditz am Mittwoch mitteilte, werden vom Innenministerium nun acht in Sachsen verübte Tötungsverbrechen Rechtsextremen zugeschrieben. Bislang waren es sechs. “Das Innenministerium nähert sich langsam der Realität an”, erklärte Köditz.
Nach ihren Angaben gehen die Linken von fünf weiteren Fällen aus, bei denen “sehr starke Indizien dafür sprechen”, dass ebenfalls neonazistische oder rassistische Motive zu der Tat geführt haben. Das Innenministerium beurteile diese Fälle jedoch anders, sagt Köditz.
Innenminister Ulbig sicherte Überprüfung zu GOMONDAI Jorge Gomondai gilt als das erste Opfer rechtsextremer Gewalt in Sachsen

Innenminister Markus Ulbig hatte nach der Aufdeckung der Mordserie der Zwickauer Neonazi-Zelle zugesichert, strittige Fälle noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Das Ministerium teilte dem Innenausschuss des Landtages nun das Ergebnis der Überprüfung mit. Aus dem Schreiben geht hervor, dass in die bisherige Bewertung keine Gerichtsurteile eingingen.
Vielmehr habe sich das Ministerium allein auf die Einschätzung des Kriminalpolizeilichen Meldedienstes verlassen. “Ich gehe davon aus, dass diese fatale Praxis künftig verändert wird”, sagte Linken-Abgeordnete Köditz.
Fälle liegen viele Jahre zurück

Die jetzt anerkannten Fälle liegen bereits viele Jahre zurück. So wurde am 23. November 1996 in Leipzig ein aus Syrien stammender Asylbewerber erstochen, als er zwei deutschen Verkäuferinnen beistehen wollte. Nach Angaben der Linken waren die Frauen von Skinheads zuvor als “Türkenschlampen” beschimpft worden. Der zweite anerkannte Fall ereignete sich am am 3. Oktober 1999 in Hohenstein-Ernstthal. Damals wurde ein 17-Jähriger Punk von Skinheads mit einem Axtstiel und einem Billardqueue zu Tode gequält. Vorausgegangen war ein Angriff von mehr als 30 Skinheads auf ein Punkfestival und ein Gegenangriff der Punks auf eine Diskothek, in der sie die rechten Schläger vermuteten. Das Landgericht Chemnitz hatte bereits im Dezember 2000 festgestellt, dass der 17-jährige Patrick T. “stellvertretend für jene Linken” sterben musste, die an dem Überfall auf eine Diskothek beteiligt waren.

Als erstes Opfer rechtsextremer Gewalt in Sachsen gilt der Mosambikaner Jorge Gomondai. Er war am 31. März 1991 in Dresden aus einer fahrenden Straßenbahn gefallen und hatte dabei tödliche Kopfverletzungen erlitten.
Vor Gericht konnte nicht geklärt werden, ob Skinheads den 28-jährigen Afrikaner gestoßen hatten oder ob er aus Angst selbst gesprungen war.
Ein Täter wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.


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