Lothar König schaut mal nach dem Wagen (SäZ, 19.01.2012)

Jan 19th, 2012 | Von | Kategorie: Medienecho

Von Thilo Alexe
Der Neonazi-Gegner mischt sich unter die Gäste von Ministerpräsident Tillich. Dort sucht er seinen Bus.
Es sind die kleinen Dinge. Zum Beispiel ein Händedruck. Etwa der des Jenaer Pfarrers Lothar König. Der Theologe nähert sich einem hochrangigen Polizeibeamten. König, mit gewohnt wildem grauem Haar und Sandalen, reicht dem Mann die Hand. Dem ist es, so wirkt es aus der Ferne, unangenehm, er ergreift sie dann doch. Die Staatsanwaltschaft wirft König, der 2011 mit Lautsprecherwagen in Dresden gegen Neonazis demonstrierte, Landfriedensbruch vor.

Bemerkenswert ist die Episode, weil sie sich auf dem gestrigen Neujahrsempfang von CDU-Regierungschef Stanislaw Tillich im Festspielhaus in Dresden-Hellerau abspielt. König ist quasi ganz offiziell da – als Begleiter der Linke-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz. „Ich habe ihn beim Protokoll angemeldet“, sagt die Parlamentarierin.

Eigentlich steht der Nachmittag unter dem Motto „Junge Kunst in Sachsen“. Junge Tänzer toben virtuos in schlafanzugähnlichen grünen Kostümen über die Emporen. Die preisgekrönte Nachwuchs-Formation „The Muzzy Mystery“ aus Radebeul bietet süffigen Jazz. Stanislaw Tillich sagt den Gästen, Sachsen sei „Brutkasten für neue Ideen, Trends und Bewegungen“.

Lothar König sagt einem Journalisten, er wolle nur mal schauen, ob sein Wagen in Dresden gut gepflegt werde. Der Kleinbus, den der Geistliche liebevoll „Lauti“ nennt, wurde bei einer Razzia im Sommer beschlagnahmt.
König, sagt die Staatsanwalt, habe zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen – was der Pfarrer vehement verneint.

Und sonst? Bildende Künstler aus Sachsen stellen aus. Es gibt Sekt. Der Saal ist voll. Und Ministerpräsident Tillich sagt den Satz: „Was können wir tun, damit junge Leute nicht zu Extremisten werden, und wie holen wir sie wieder aus der Szene raus?“

Die Frage schwebt durch den Raum. Lothar König, der das Anwachsen der Neonazi-Strukturen im Nachwende-Jena hautnah erlebte, wüsste dazu wohl einiges zu sagen. Er ist aber nicht Redner, sondern eine Art Gast – und wird teils mit Befremden gemustert.

Ein anderer Gast ist der Dresdner Heinz-Joachim Aris. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Sachsens hat Schreckliches erlebt –und ist ein unglaublich freundlicher und fröhlicher Mensch. Die Straßenbahn in die Stadt ist weg. Darf man eine rauchen? Im Judentum sei das erlaubt – „aber nicht zwingend“. Der alte Herr lacht. Die Bahn kommt. Es sind die kleinen Dinge.


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