„Ich mache mein Wissen öffentlich“ (Sächsische Zeitung, 16.01.2012)

Jan 16th, 2012 | Von | Kategorie: Medienecho

Von Thilo Alexe

Kerstin Köditz beobachtet die Neonazi-Szene seit Jahren intensiv. Mal
wird die Linke bedroht, mal verspottet. Die Existenz eines rechten
Terrornetzwerks überrascht sie nicht.

Miss Marple? Hat Verbrechen schneller als die Polizei aufgeklärt. Lady
Gaga? Was für eine erfolgreiche Frau. Sowjetische Panzer? Die haben die
Nazis zurückgedrängt.

Wie ein T-34-Panzer sieht Kerstin Köditz nun wirklich nicht aus. Auch
der toupierte Popstar und die schrullige Detektiv-Lady haben allenfalls
geringe Ähnlichkeit mit der Landtagsabgeordneten der Linken. Dennoch
beschimpften Rechtsextremisten die 44-Jährige im Parlament mit den
spöttisch gemeinten Bezeichnungen. Die interpretiert die Schmähungen
einfach um – als Beleg für ihren Erfolg.

Wie wohl niemand sonst in der Landespolitik hat sich Kerstin Köditz der
Beobachtung der Neonazi-Szene verschrieben. Sie schaut bei
Demonstrationen nach den Rechten, trägt Informationen zusammen und hat
eine eigene Bibliothek aufgebaut. Ihr Wissen ist gefragt – bei
Journalisten, vor allem aber bei Demokratie-Initiativen und
Toleranzbündnissen. Seit Bekanntwerden der mörderischen Existenz der
Zwickauer Terrorzelle klingelt Köditz‘ Handy noch häufiger.

„Ich mache mein Wissen über Neonazi-Strukturen öffentlich“, sagt die
gebürtige Leipzigerin. Ihr Prinzip: Wissen schafft Möglichkeiten zum
Gegensteuern. „Lange ist ja in Sachsen geleugnet worden, dass es
überhaupt ein Problem mit Rechtsextremismus gibt.“

Doch weniger solche Einschätzungen verleihen Köditz den Status einer
markanten Politikerin. Es sind die immensen Kenntnisse über die
vielschichtige Neonazi-Szene, die sie beharrlich über Jahrzehnte
gesammelt hat. Seit Beginn der Legislatur im Herbst 2009 stellte die
Linken-Abgeordnete mehr als 600 Anfragen an die Regierung. Monat für
Monat will sie wissen, ob Synagogen beschmiert wurden, wo Rechte
randalierten. Unlängst enthüllte sie, dass etwa 150 Waffen im Besitz
rechter Extremisten sind.

Köditz aber archiviert nicht nur Plenardrucksachen. Sie verfolgt
Neonazi-Aufmärsche, so gut es geht, aus nächster Nähe. Bei
Gegendemonstrationen oder Blockaden ist sie kaum zu sehen. Die Linke
zofft sich auch nicht öffentlichkeitswirksam mit der Justiz. „Ich stehe
da, wo die Nazis stehen“, sagt sie. Köditz notiert sich die braunen
Sprüche auf den Transparenten, guckt, wer da so mitläuft.

Vor Jahren beobachtete die Parlamentarierin einen
Rechtsextremisten-Aufmarsch in Borna. Der Polizeiführer vor Ort war
besorgt um sie. „Der wollte zehn Beamte um mich herumstellen.“ Köditz
ging dann doch nicht ganz nah ran.

Es ist zwar unvorstellbar, dass ein gestählter Hammer-Skin vor dieser
kleinen Frau mit Wollschal zittert. Als Feind aber wurde sie in der
Szene längst ausgemacht. Hakenkreuze auf dem Briefkasten sind da noch
das geringste Problem. Mal attackieren Unbekannte gleich das ganze Haus,
in dem sich das Grimmaer Büro der Abgeordneten befindet. Dann wiederum
tauchten Fotos von ihr samt Drohungen auf einschlägigen Internetseiten auf.

Spürt sie Angst? Kerstin Köditz hat ihr Handy stets griffbereit,
vereinbart mit Vertrauten Kontrollanrufe. „Die wissen immer, wo ich
bin.“ Reicht das? „Wenn mir jetzt etwas passieren würde, wäre ich eine
Märtyrerin“, sagt sie. „Das wollen die Nazis ganz bestimmt nicht.“

Am 11. September 2001 zog Köditz, die neben mehreren Semestern
Mathematik Philosophie studierte, als Nachrückerin in den Landtag ein.
Gelegentlich wurde sie dort als leicht nervig belächelt, vor allem in
den eigenen Reihen. Allerspätestens seit Zwickau ist das vorbei. „Mich
hat das nicht überrascht“, sagt sie mit Blick auf den
„Nationalsozialistischen Untergrund“. Natürlich besäßen
Rechtsextremisten Waffen – auch in Sachsen. „Die werfen doch nicht mit
Wattebällchen.“

Kerstin Köditz besitzt drei Katzen, spielt Minigolf, raucht gern, lacht
gern und wirkt wie eine lebenslustige Frau. Warum tut sie sich –
unterstützt von ihrem Mitarbeiter Volkmar Wölk – das alles an?

Köditz erzählt von Geithain, wo ein 15-Jähriger an einer Tankstelle bei
einem Angriff von Rechten so schwer verletzt wurde, dass Ärzte eine
Titanplatte in seinen Kopf hineinoperieren mussten. „Einer hat immer
wieder zugetreten mit seinen Stahlkappenstiefeln.“

Köditz erzählt aber auch, wie schockiert sie war, als sie um 1990
erstmals eine Neonazi-Demo in Wurzen sah. Sie spricht von Gleichheit,
einem Kompass für ihre Politik. „Für Rechtsextremisten sind Menschen
nicht gleich. Sie sortieren sie nach Rasse.“ Das regt Kerstin Köditz
auf. Es treibt sie um.

„Bis zum heutigen Tag gibt es leider in den zuständigen Behörden kein
wirkliches Interesse an der Aufklärung der Vernetzung der extremen
Rechten“, sagt sie. Und verweist nochmal auf die berühmte Detektivin von
Agatha Christie: „Miss Marple war sogar erfolgreich trotz der Behörden,
die ihr nicht glauben wollten.“


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