Macht Schule dumm? Das könnte man sich fragen, wenn man sieht, dass viele Unternehmen Ausbildungssuchende mit den Worten charakterisieren, sie seien oftmals kaum des Lesen und Schreibens fähig, verfügten nur über mangelhafte soziale Kompetenzen. Dies aber trotz des Umstandes, dass sie über einen Abschluss der Mittelschule verfügen und Sachsen bei den PISA-Untersuchungen im Vergleich mit anderen Bundesländern relativ gut abschneidet.

Macht Schule faul? Das könnte man glauben, wenn man sieht, dass gerade Gymnasiasten nicht selten versuchen, sich mit möglichst wenig Arbeitsaufwand durch die Schulzeit zu bringen. Warum soll ich für die Fächer lernen, die ich später doch nicht brauche? Es geht nicht mehr um das Humboldt’sche Bildungsideal mit dem Ziel der Aneignung von möglichst viel Wissen, damit ich als „gebildeter Mensch“ gelte, sondern auch Wissen wird unter dem Nutzenprinzip betrachtet. Nützliches Wissen ist jenes, das ich im späteren „realen Leben“, im Kapitalismus, gewinnbringend einsetzen kann. Beim Rest kann ich nicht nur faul sein, sondern sollte es auch, damit mich das Unwichtige nicht vom Wichtigen ablenkt. Alle Kinder lernen gerne. Bis sie zur Schule kommen. Dann hört das sehr schnell auf.

Macht Schule unsozial? Das könnte man meinen, wenn man sieht, dass die gegenseitige Hilfe zum Vorteil aller wie auch die Gruppenarbeit inzwischen nahezu verpönt sind. Eifersüchtig wacht jeder über seine „Leistung“, sein „geistiges Eigentum“. Mitschüler werden vor allem als Konkurrenten um einen Studien- oder Arbeitsplatz betrachtet.

Kurz: Macht Schule einfach nur fit für den Kapitalismus? Ist Schule ein Drill- und Überwachungsinstitut, in dem diejenigen Fähigkeiten und Werte vermittelt werden, die in der kapitalistischen Gesellschaft nützlich und notwendig sind?

Diese Zustände, so der Bremer Erziehungswissenschaftler Freerk Huisgen, stehen nicht etwa für ein „Versagen“ unserer Schulen und Universitäten, sondern sie gehören zu den Aufträgen unseres Bildungssystems. Er sagt: „Es fällt nicht unter Dummheit, wenn man die Rechtschreibung nicht beherrscht, nur schlecht lesen und rechnen kann oder die Nebenflüsse des Rheins nicht kennt. Das ist fehlendes Wissen, das kann man sich aneignen.“

Und weiter: Unter Dummheit fällt dagegen ziemlich viel von dem, was man lernt, und zwar als Hauptschüler wie als Gymnasiast und als Student. Es fällt darunter die Ausstattung der Jugend mit einer Fülle falscher Urteile über Gott und die Welt. Das liegt nicht daran, dass sich Schulbuchverfasser und Lehrer einfach nur irren, wenn sie die Schüler mit ihren Lehren über Demokratie und Faschismus, über Geld und Markt, über Familie und Staat traktieren. Das tun sie auch. Aber das trifft nicht die Sache. Dafür sind die Dummheiten viel zu resistent gegen Argumente und haben bereits zu viele Jahrzehnte in Schulbüchern überdauert. Die frühzeitige Aneignung einer gehörigen Portion Dummheit braucht es vielmehr für die geistige Ausstattung des mündigen Bürgers. Gefordert ist sie für Leistungen, die hierzulande ständig gefordert sind: nämlich für die freiwillige Unterordnung unter alle Zwänge und Sachzwänge dieser Gesellschaft. Dummheit ist parteiliches Denken. Zu dem gehört auch all das, was man in der Schule über Noten und Leistungsvergleiche lernt: Jeder habe den Schulerfolg mit seiner Anstrengung selbst in der Hand, lautet das Credo, das Partei nimmt für die Organisation des Lernens als Lernkonkurrenz.

Und warum landet wohl mit unschöner Regelmäßigkeit die Mehrzahl der Kinder von armen Leuten immer wieder in der gesellschaftlichen Schicht oder Klasse, aus der sie kommen? Strengen die sich denn nicht an?

Über diese Themen wollen wir beim nächsten Treffen der IG „Linke Theorie“ am Dienstag, den 25. Januar, ab 18.30 Uhr mit der Leipziger Landtagsabgeordneten Cornelia Falken sprechen. Sie ist selbst Lehrerin von Beruf und vertritt ihre Kolleginnen und Kollegen als Bezirkspersonalrätin. Wie könnten, so die logische Frage, menschliche und linke Alternativen zum gegenwärtigen Bildungssystem aussehen. Wir treffen und wie immer im BürgerInnenbüro von Kerstin Köditz in der Malzhausgasse 6a in Grimma.


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