Grüner Tisch und grüner Rasen
Jun 3rd, 2010 | Von dermarsl | Kategorie: Allgemein, Meine MeinungDer Ärger des “Roten Stern” mit den braunen “Fans”
Können zwei Mannschaften das gleiche Spiel gegeneinander mit 2 : 0 verlieren. Im Prinzip nicht, aber… Es gibt nämlich Spiele, die werden nicht auf dem grünen Rasen entschieden, sondern am berühmten grünen Tisch. Und Sportfunktionäre sind auch nur Bürokraten. Und weil das so ist, hat der Rote Stern Leipzig sein Heimspiel gegen Oschatz mit 0 : 2 verloren. Gleichzeitig aber hat der FSV Oschatz ebenfalls das Spiel verloren. Die “Roten Sterne” wurden bestraft, weil sie einem Spieler des FSV Hausverbot in ihrem Stadion erteilt hatten. Der Verein aus Oschatz, weil er sich geweigert hatte anzutreten. Verwirrend? Schuld daran, dass der grüne Tisch Vorrang vor dem grünen Rasen hatte, war ein anderes Spiel.
Eines in Mügeln nämlich, ebenfalls unter Beteiligung des “Roten Sterns”. Und auch dieses Spiel musste am grünen Tisch entschieden werden. Von Beginn an hatte es Provokationen durch eine Gruppe von ca. 60 braunen “Fans” gegen den “Roten Stern” gegeben. Als es dann auch noch zu antisemitischen Gesängen kam, brach der Schiedsrichter das Spiel in der 80. Minute ab. “Spontan” versuchten die Neonazis danach noch, eine Demonstration in der Kleinstadt durchzuführen. Der Oschatzer Spieler, der in Leipzig später Hausverbot erhielt, soll einer dieser Störer gewesen sein.
Für seinen Verein waren die Vorwürfe offenbar keine Rede wert. Man verwies darauf, dass er immer ordentlich trainiere. Dass man auf ihn wegen der vielen Verletzten nicht verzichten könne. Dass er ein wichtiger Spieler im Abstiegskampf sei. Und überhaupt: was er privat mache, sei auch seine Privatangelegenheit. Politik, so folgte in den Diskussionen dann stets unvermeidlich, habe im Fußball nichts zu suchen. Was aber tun mit einem Spieler, der privat als Zuschauer beim Fußball gemeinsam mit anderen braunen “Fans” neonazistische und antisemitische Sprechchöre anstimmt? Man kann es so machen wie Gotthard Deuse (FDP), der Bürgermeister von Mügeln und Präsident des dortigen Fußballvereins. Er habe von Neonazi-Sprüchen während seiner Anwesenheit nichts mitbekommen, verlautbarte er nach dem Spielabbruch und dem folgenden Skandal.
Genau diese Ignoranz von Freizeit-Fußball-Funktionären und Lokalpolitikern ist es, die Vorkommnisse wie in Brandis und in Mügeln erst möglich macht. Eine Ignoranz, auf die Vereine wie der “Rote Stern”, die sich nicht als unpolitisch verstehen, immer wieder stoßen. Es ist diese Ignoranz, die Vereine wie den TSV 1862 Schildau dazu veranlasst, zwar Bilder aus dem Spiel gegen den “Roten Stern” auf die eigene Homepage zu stellen, aber keine der braunen “Fans”, die sich am Spielfeldrand hinter Transparenten der Neonazi-Kameradschaft “Schildauer Jungs” und dem Slogan “Love Football, hate Roter Stern” gesammelt hatten und die immer wieder mit Sprechchören provozierten. Unter ihnen auch mindestens ein Tatverdächtiger vom Überfall auf den “Roten Stern” in Leipzig und ein in Wurzen ansässiger Nazi-Versandhändler. Nach Spielende wurden in diesem Fall neun Neonazis, u.a. wegen Angriffen auf Polizisten, festgenommen.
Kommt es zu solchen Übergriffen, dann ist die Reaktion der lokalen Verantwortlichen ebenso lapidar wie voraussagbar: Diese Leute haben mit unserem Verein nichts zu tun, heißt es dann umgehend. Wir kennen die gar nicht. Schaut man näher hin, ist das Gegenteil schnell nachweisbar. Wie in Brandis. Oder wie beim ATSV Wurzen, der in der Bezirksliga gegen den Abstieg kämpft. Der Torwart der Mannschaft ist ein Rechtsaußen. Nicht auf dem Platz, aber in der Kommunalpolitik. Er sitzt für die NPD im Stadtrat. Als im März 2008 in Wurzen über 50 Neonazis um den besagten Versandhändler, der auch beim Spiel in Schildau zu Gast war, angriffen, da war der Torwart/Stadtrat für seine Freunde als Fotograf und Kundschafter unterwegs. Folgen im Verein: keine. Warum auch? Fußball ist doch unpolitisch. Ist Fußball unpolitisch?






