Spurensuche in braunen Netzwerken (Harburger Anzeigen und Nachrichten, 16.04.2010)

Apr 19th, 2010 | Von | Kategorie: Medienecho

Von Borna bis Buchholz Rechter Besuch bei Linken-Vortrag
Von Carsten Weede
Buchholz.Unter Polizeischutz haben die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin
Köditz (Die Linke) und ihr Mitarbeiter Volkmar Wölk im “Deutschen Haus” in
Buchholz über die Aktivitäten von Rechtsextremen in Sachsen berichtet, die
demnach auch intensive Kontakte zu Gesinnungsfreunden im Landkreis Harburg
pflegen.
Auf Einladung des Buchholzer Bundestagsabgeordneten Herbert Schui (Die Linke)
waren die Landtagsabgeordnete und ihr Mitarbeiter in die Nordheide gekommen, um
zum Thema “Extreme Rechte – von Buchholz bis Borna” zu referieren. Vor dem
Veranstaltungslokal hinderten Polizeibeamte einige Mitglieder der rechten Szene aus
Buchholz am Betreten der Gaststätte. Im Sitzungssaal verfolgten zwei Polizeibeamte
das Geschehen – ebenso wie der Ramelsloher Landschaftsarchitekt Wolfram
Schiedewitz. Er hatte vor Veranstaltungsbeginn auf den Tischen Flugblätter mit der
Überschrift “Verleumdungs-Reisekader der kommunistischen Diktatur – Rufmord -
Soll ein politisch unbequemes Thema zu Fall gebracht werden?” verteilt (siehe
Kasten).
Schiedewitz ist Vorsitzender des Vereins Gedächtnisstätte e.V., der nach Angaben
des Ramelslohers “ein würdigesGedenken an die zwölf Millionen zivilen deutschen
Opfer des Zweiten Weltkrieges ermöglichen will”. Schiedewitz hatte den Vorsitz des
1992 gegründeten Vereins 2003 von Ursula Haverbeck übernommen. Ursula
Haverbeck war auch Gründerin des mittlerweile wegen Verherrlichung der NSGewaltherrschaft
verbotenen Vereins “Collegium Humanum”. “Schiedewitz wurde
Vorsitzender, weil er als weniger vorbelastet galt als die verurteilte Holocaust-
Leugnerin Ursula Haverbeck, die bis heute bundesweit als Rednerin der extremen
Rechten auftritt”, erklärte Wölk.
Auch in den Reihen des Vereins Gedächtnisstätte haben sich nach Angaben des57-
jährigen Journalisten zahlreiche Holocaustleugner und Geschichtsrevisionisten
zusammengeschlossen. Darunter auch der bekannte Düsseldorfer Anwalt und
Oberst a.D. Hajo Herrmann. Der 1913 geborene Ex-Jagdflieger, der in rechten
Kreisen als Kriegsheld verehrt wird, hatte prominente Holocaust-Leugner wie David
Irving, Otto Ernst Remer oder den US-amerikanischen “Gaskammer-Experten” Fred
Leuchter vor Gericht vertreten.
“Auch der Verfassungsschutz beobachtet die Aktivitäten des Vereins
Gedächtnisstätte”, betonte Wölk.
Schiedewitz habe seine Kontakte zum “Collegium Humanum” zwar stets bestritten,
aber in der Todesanzeige für seinen Vater habe die Familie Schiedewitz um
Spenden für das “Collegium” gebeten. Zu den Unterzeichnern gehörten außer
Wolfram Schiedewitz auch dessen Schwester Ursula, die mit dem bekannten
Rechtsextremisten Uwe Stolle aus Nienburg verheiratet sei. Das Ehepaar Stolle
könne auf eine lange Tätigkeit für die revanchistische “Gemeinschaft Deutscher
Osten” (GDO) zurückblicken, die vom Fortbestand des Deutschen Reiches ausgeht.
Uwe Stolle war zudem Vorsitzender des 1962 verbotenen Bundes Vaterländischer
Jugend. Beide Stolles engagierten sich auch im Verein Gedächtnisstätte, der bis vor
Kurzem sein Domizil im sächsischen Borna, rund30 Kilometer südlich von Leipzig
hatte. In dem rund 3500 Quadratmeter großen ehemaligen Verwaltungsgebäude
desBraunkohlebergbaus war nicht nur die Gedächtnisstätte untergebracht: Das
repräsentative Gebäude wurde für Schulungen der rechten Szene, Treffen von NPDFunktionären
und so genannter Freier Kameradschaften genutzt. Außerdem hatten
mehrere NPD-Funktionäre dort ihren ersten Wohnsitz angemeldet. “Der Verein
Gedächtnisstätte hatte in dem Gebäude nur 500 Quadratmeter angemietet”, sagte
Schiedewitz. Mit den Aktivitäten in anderen Gebäudeteilen habe der Verein nichts zu
tun.
Wie glaubhaft diese Darstellung ist, machten allerdings zahlreiche Fotos von der
Feier des 95. Geburtstags von Hajo Hermann deutlich, zu der sich “Größen” der
rechtsextremistischen Szene aus dem gesamten Bundesgebiet in Borna eingefunden
hatten. Geschützt wurde die Veranstaltung von sogenannten
Selbstschutzverbänden. “Die bewachen auch Konzerte von Nazibands”, sagte Wölk.
Zentralen der Selbstschutzverbände gebe es in Delitzsch (Sachsen), Köthen
(Sachsen-Anhalt) und in Tostedt.
“Es gibt einige Parallelen zu der Zeit, als die Nazis an die Macht gekommen sind”,
sagte der ehemalige Verfolgte des NS-Regimes, Erwin Schulz. “Ein Krieg ist das
Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Das darf nie wieder kommen”, warnte der
98-jährige ehemalige “Moorsoldat”.
Die Linke werde nach den Sommerferien zu einer weiteren Veranstaltung zum
Thema “Neonazi-Strukturen im Landkreis Harburg” einladen, kündigte der
Bundestagsabgeordnete Schui an.
“Es gibt einige Parallelen zu der Zeit, als die Nazis an die Macht gekommen sind.”


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