Rechte Strippenzieher (Junge Welt, 21.04.2010)
Apr 21st, 2010 | Von dermarsl | Kategorie: MedienechoHolocaustleugner und Geschichtsrevisionisten: Linkspartei informierte über Aktionen eines dubiosen Gedenkvereins in Sachsen und Norddeutschland
Von André Lenthe
Seit rund 34 Jahren lebt und arbeitet Wolfram Schiedewitz in Ramelsloh bei Hamburg als selbständiger Landschaftsarchitekt. Im Landkreis Harburg gilt er als angesehener Bürger mit eigenem Haus und Bürokomplex, der sich nichts zuschulden kommen läßt. Was kaum jemand weiß: »Schiedewitz ist einer der Strippenzieher im braunen Netzwerk und unterhält gute Kontakte zu Holocaustleugnern und Geschichtsrevisionisten in ganz Deutschland«. Das zumindest behauptet die Linkspartei und lud in der vergangenen Woche nach Buchholz i. d. Nordheide zu einer Veranstaltung mit dem Thema: »Extreme Rechte — von Buchholz bis Borna.« Die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Linke) und ihr Mitarbeiter Volkmar Wölk folgten damit einer Einladung des Bundestagsabgeordneten Herbert Schui (ebenfalls Linke), der die Veranstaltung organisiert hatte. Sie sollten über die Aktivitäten von Rechtsextremen in Sachsen berichten, die intensive Kontakte zu Gesinnungsfreunden in der Nordheide unterhalten.
Bereits vor Beginn der Veranstaltung war klar, daß die Organisatoren mit dieser Versammlung einen Nerv getroffen hatten. Viele lokale Medienvertreter und interessierte Bürger kamen zu dem Treffen. Auch einige Neonazis der örtlichen »Kameradschaft Buchholz« versuchten in den Veranstaltungssaal zu gelangen. Das allerdings wurden von der Polizei verhindert. Nicht abhalten konnten die Beamten Schiedewitz selbst. Dieser verteilte auf den Tischen offizielle Schreiben des Vereins »Gedächtnisstätte e.V.« mit der Überschrift: »Verleumdungs-Reisekalender der kommunistischen Diktatur — Rufmord — Soll ein politisch unbequemes Thema zu Fall gebracht werden?« Mit dem Schreiben versuchte er, im Vorfeld die Vorwürfe gegen seine Person zu entkräften, Neonaziverbindungen zu leugnen und die Referenten zu diffamieren. Was ihm aber nicht zuletzt wegen des gut ausgearbeiteten Vortrages von Köditz und Wölk nicht gelang.
Wolfram Schiedewitz ist Vorsitzender des 1999 gegründeten »Gedächtnisstätte«-Vereins, der laut Satzung eine Gedenkstätte für die angeblich vergessenen »deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung« und der Bombenangriffe errichten will. In der NPD-nahen Postille hier & jetzt wird Schiedewitz deutlicher. Er strebe auf dem Areal im sächsischen Borna »ein würdiges Gedenken« an, für die zivilen Opfer in Deutschland »ohne Zugeständnisse gegenüber politischer Korrektheit und Büßertum«. Mitglied des Vereins kann nur eine »Person alleiniger deutscher Staatsangehörigkeit« werden, heißt es weiter. Übernommen hatte Schiedewitz den Vorsitz 2003 von Vereinsgründerin Ursula Haverbeck. Die gründete auch den Verein »Collegium Humanum«, dieser war gemeinsam mit der ihm angeschlossenen »Bauernhilfe« 2008 verboten worden, nachdem die Truppe in Artikeln gleich mehrfach den Holocaust geleugnet hatte. In der Urteilsbegründung hieß es seinerzeit: »Der Verein habe eine Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus und glorifiziere die NS-Herrschaft.«
Er selbst habe seine Kontakte zum »Collegium Humanum« zwar stets bestritten, doch in der Todesanzeige für seinen Vater habe die Familie Schiedewitz um Spenden für den Verein aus dem ostwestfälischen Vlotho gebeten, betonten die Refereten der Veranstaltung. »Wolfram Schiedewitz wurde Vereinschef »Gedächtnisstätte«, weil er als weniger vorbelastet galt als die verurteilte Holocaustleugnerin Haverbeck, die bis heute bundesweit als Rednerin der extremen Rechten auftritt«, erläutert Volkmar Wölk. Nach seiner Auskunft hätten sich auch im Verein »Gedächtnisstätte« zahlreiche Holocaustleugner und Geschichtsrevisionisten zusammengeschlossen. So wird etwa der Düsseldorfer Anwalt und Oberst a.D. Hajo Hermann als Mitglied geführt. Der 1913 geborene frühere Jagdflieger, wird in rechten Kreisen als Kriegsheld verehrt. Als Anwalt verteidigte er prominente Holocaustleugner wie Otto Ernst Remer, David Irving oder den selbsternannten »Gaskammer-Experten« Fred Leuchter vor Gericht.
Auf dem rund 10000 Quadratmeter großen Grundstück in Borna, etwa 30 Kilometer südlich von Leipzig, hatte die »Gedächtnisstätte« bis vor kurzem ihr Domizil. In dem riesigen ehemaligen Verwaltungsgebäude eines Braunkohleunternehmens war allerdings nicht nur der Verein untergebracht. Das repräsentative Haus wurde für Schulungen der rechten Szene, Treffen von NPD-Funktionären und sogenannten freien Nationalisten genutzt. Zudem hatten mehrere NPD-Funktionäre dort ihren ersten Wohnsitz angemeldet. Der Verein habe nur 500 Quadratmeter angemietet, sagte Schiedewitz auf der Veranstaltung. Wie wenig glaubhaft diese Darstellung ist, zeigten allerdings zahlreiche Fotos von der Feier zum 95. Geburtstag von Hajo Hermann, die von »Gedächtnisstätte« organisiert worden war. Viele »Größen« der alten wie neuen Nazigeneration aus dem gesamten Bundesgebiet waren dabei. Ein Spuk, der in Borna ein für allemal vorbei sein dürfte. Nachdem sie Ende des vergangenen Jahres der bisherigen Eigentümerin das Grundstück abkaufte, will die Stadt auf dem Gelände nun ein Alten- und Pflegeheim errichten.






