HER­AUS AUS DER SACK­GAS­SE IN AF­GHA­NIS­TAN!

Jan 20th, 2010 | Von dermarsl | Kategorie: Allgemein

AP­PELL:
HER­AUS AUS DER SACK­GAS­SE IN AF­GHA­NIS­TAN!

Warum ist es nicht nur das Beste, son­dern das schlecht­hin Not­wen­di­ge, dass die Bun­des­wehr um­ge­hend und voll­stän­dig aus Af­gha­nis­tan ab­zieht?

Weil die an­fangs und seit­her ge­gen­über der Öf­fent­lich­keit für die­sen Krieg an­ge­führ­ten Dis­kurs­bla­sen sämt­lich längst ge­platzt sind und weil die hin­ter der Dis­kurs­bla­se von der “ge­wach­se­nen deut­schen Ver­ant­wor­tung” ver­heim­lich­ten tat­säch­li­chen Ar­gu­men­te fatal sind:

Die Dis­kurs­bla­sen von De­mo­kra­tie, Frau­en­eman­zi­pa­ti­on, Wohl­stand durch Bun­des­wehr­ein­sät­ze neh­men ihre Er­fin­der selbst seit lan­gem nicht mehr ernst. “Un­se­re Si­cher­heit am Hin­du­kusch? Die Ter­ror­quel­le schlie­ßen? ” Of­fen­sicht­lich wurde sie durch diese Krieg­füh­rung erst rich­tig ge­öff­net.

Also die “ge­wach­se­ne deut­sche Ver­ant­wor­tung”: “Wir dür­fen uns nicht drü­cken” usw. Da­hin­ter steckt ein ganz und gar ir­ra­tio­na­ler und an­ge­sichts der deut­schen Ge­schich­te fa­ta­ler An­spruch auf einen Platz unter den füh­ren­den Welt­mäch­ten. Deutsch­land ist nach sei­ner Be­völ­ke­rungs­zahl au­gen­blick­lich das 16. Land im Welt­ran­king, mit 1,2 % der Welt­be­völ­ke­rung. In we­ni­gen Jah­ren wird es etwa genau 1% der Welt­be­völ­ke­rung um­fas­sen — soll die Bun­des­wehr auf die­ser Basis Welt­gen­darm für die 99% spie­len? Die Mit­glied­schaft in der G7/G8, der An­spruch auf einen stän­di­gen Sitz im Si­cher­heits­rat der UNO usw. er­klä­ren sich rein aus der jetzt noch ge­ge­be­nen re­la­ti­ven wirt­schaft­li­chen Stär­ke. Dar­aus folgt kei­nes­wegs ein An­spruch auf eine ent­spre­chen­de po­li­ti­sche und mi­li­tä­ri­sche Welt­macht­po­si­ti­on. Ein sol­cher Au­to­ma­tis­mus wäre höchst un­de­mo­kra­tisch. Soll­te Deutsch­land in die Rolle eines der füh­ren­den Mit­glie­der in einer Art in­for­mel­ler mi­li­tä­ri­scher “Welt-Jun­ta” aber bloß ab­sichts­los hin­ein­ge­rutscht sein, so gilt es jetzt, zu einer sol­chen Rolle ver­nünf­tig nein zu sagen.

Der Af­gha­nis­tan­krieg ist dabei der Lack­mus­test.

Die­ser Krieg wird von sei­nen Stra­te­gen als “Krieg gegen den Ter­ror” (”War on Ter­ror”) be­zeich­net. Da­hin­ter ver­birgt sich ein An­ti-Gue­ril­la-Krieg von Typ Viet­nam, der au­ßer­halb des Völ­ker­rechts ge­führt wird, weil die Fein­de weder als Kom­bat­tan­ten noch als Ver­bre­cher de­fi­niert sind: Wären sie Kom­bat­tan­ten, müss­ten sie als Ge­fan­ge­ne in offen zu­gäng­li­chen La­gern in­ter­niert wer­den — wären sie (mut­maß­li­che) Ver­bre­cher, dürf­ten sie auf kei­nen Fall ohne An­kla­ge, Pro­zess und Ur­teil ein­fach auf Ver­dacht und prä­ven­tiv “ge­zielt ge­tö­tet” und “eli­mi­niert” wer­den.

Genau das aber ist der stra­te­gi­sche Kern die­ses Krie­ges, der daher ex­ter­mi­nis­ti­schen Cha­rak­ter hat.

Das von der Bun­des­wehr zu ver­ant­wor­ten­de “Mas­sa­ker” (Jür­gen To­den­hö­fer) von Yakob Baj am 4.9.2009 si­gna­li­sier­te ge­ra­de­zu sym­bo­lisch, dass die Bun­des­wehr, falls sie nicht ab­zieht, genau die­ser ex­ter­mi­nis­ti­schen Stra­te­gie ver­pflich­tet ist und wei­ter sein wird.

Es ist also ein Krieg, des­sen ent­schei­den­de tak­ti­sche Mit­tel “Droh­nen” im wört­li­chen und über­tra­ge­nen Sinne sind: au­to­ma­ti­sche oder von Men­schen ge­flo­ge­ne Luft­an­grif­fe als “ge­ziel­te Tö­tun­gen”, bei denen zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen “un­schul­di­ge” Opfer in er­schre­cken­dem Um­fang be­reits in einem vor­he­ri­gen CDE = Col­la­te­ral Da­ma­ge Esti­ma­te ak­zep­tiert wer­den, sowie “ge­ziel­te Tö­tun­gen am Boden”, eben­falls mit durch­schnitt­lich hohen zi­vi­len Op­fern (”Ta­li­ban-Jag­den” ge­nannt) durch Eli­te-Ein­hei­ten wie das KSK. Wie sol­len junge Män­ner ohne Sprach- und Kul­tur­kennt­nis­se einen (von vorn­her­ein immer “des Todes schul­di­gen!?”) “Ta­li­ban” von einem “Un­schul­di­gen” un­ter­schei­den?

Sie müs­sen sich auf die In­for­ma­tio­nen und Be­feh­le ihrer Vor­ge­setz­ten ver­las­sen, die eben­falls sprach- und kul­tur­un­kun­dig sind und sich ein­fach auf die De­nun­zia­ti­on von “In­for­man­ten” ver­las­sen. Der Kern die­ser Stra­te­gie be­steht also darin, Ter­ror mit Ge­gen-Ter­ror zu be­kämp­fen und sich auf diese Weise an den ter­ro­ris­ti­schen Geg­ner an­zu­glei­chen. Kein Wun­der, dass die­ser wahr­haft schmut­zi­ge Krieg es in nun fast zehn Jah­ren nicht er­reicht hat, die “ter­ro­ris­ti­schen Ta­li­ban” zu “eli­mi­nie­ren” — dass er sie viel­mehr of­fen­sicht­lich ver­mehrt hat.

Das letz­te Ar­gu­ment gegen den Abzug ist also die Dro­hung mit den Fol­gen: “Gnade uns Gott, wenn die Ta­li­ban zu­rück­kom­men!” Als ob sie nicht längst zu­rück wären und als ob nicht die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit auch der Ta­li­b­an­geg­ner in Af­gha­nis­tan die eine oder die an­de­re Spiel­art von Islam/”Is­la­mis­mus” ver­trä­ten. Da “Ta­li­ban” ein Plas­tik­wort ist, wird jede Art von Re­ni­tenz zu “Ta­li­ban” — und auch da­durch wer­den es immer mehr. Die jet­zi­ge Si­tua­ti­on ist eben die Kon­se­quenz der “Ter­ror­krieg-Stra­te­gie” und gänz­lich von deren Be­für­wor­tern zu ver­tre­ten. Von den Kri­ti­kern die­ser Stra­te­gie nun das Wun­der einer so­for­ti­gen al­ter­na­ti­ven Ide­al­lö­sung ein­zu­for­dern, ist ein Gip­fel un­fai­ren Dis­kus­si­ons­stils.

Den­noch ist si­cher: Weil Es­ka­la­ti­on in die Sack­gas­se ge­führt hat, gibt es zur Dee­s­ka­la­ti­on keine Al­ter­na­ti­ve. Wer in der Sack­gas­se steckt, muss um­keh­ren und nicht stur wei­ter­mar­schie­ren. Mi­li­tä­ri­scher Rück­zug und Dee­s­ka­la­ti­on wer­den nicht um­ge­hend Wun­der wir­ken, wohl aber bis­her noch gar nicht ver­such­te Op­tio­nen öff­nen. Das hat auch eine fi­nan­zi­el­le Kom­po­nen­te, die nicht ver­heim­licht wer­den darf: Der Krieg kos­tet täg­lich Un­sum­men, von denen schon die Hälf­te enor­me fried­li­che Al­ter­na­tiv­po­ten­tia­le er­öff­nen könn­te. Die star­ke Op­po­si­ti­on im Iran zeigt im üb­ri­gen das Po­ten­ti­al eines in­ne­ris­la­mi­schen Plu­ra­lis­mus — würde die Welt-Jun­ta auch dort mi­li­tä­risch in­ter­ve­nie­ren, so wür­den die In­ter­ven­ten so­fort zum all­ge­mei­nen Haupt­geg­ner und die Op­po­si­ti­on ge­schwächt wer­den. Die Weg­nah­me des äu­ße­ren Drucks wird also mit­tel­fris­tig Schrit­te zu einem in­ne­raf­gha­ni­schen Aus­gleich und einer in­ne­raf­gha­ni­schen Be­frie­dung auf jeden Fall er­leich­tern. So viel ist si­cher: Die Es­ka­la­ti­on des Krie­ges wird die schon ge­ge­be­ne Ka­ta­stro­phe noch ka­ta­stro­pha­ler und noch aus­weg­lo­ser ma­chen.

Damit steht Deutsch­land nun für alle sicht­bar am Schei­de­weg: Ent­we­der sich an die Mit­glied­schaft in der in­for­mel­len mi­li­tä­ri­schen “Welt-Jun­ta” zu klam­mern und die ex­ter­mi­nis­ti­sche Stra­te­gie eines “Ter­ror-Kriegs” be­wusst zu ak­zep­tie­ren — oder ein ver­nünf­ti­ges Nein zu sagen und die Bun­des­wehr nach hause zu holen, wo­durch nicht zu­letzt auch die deut­schen Sol­da­ten aus Le­bens­ge­fahr und der Ge­fahr von “Be­fehls­not­stän­den” be­freit wür­den. Ein sol­cher Schritt Deutsch­lands könn­te auch meh­re­ren schon be­ste­hen­den In­itia­ti­ven für eine Frie­dens­kon­fe­renz unter füh­ren­der Be­tei­li­gung von Ver­tre­tern aller Grup­pen der af­gha­ni­schen Zi­vil­ge­sell­schaft eine ent­schei­den­de Un­ter­stüt­zung ver­lei­hen.

Selbst­ver­ständ­lich soll­ten leicht­fer­ti­ge Ver­glei­che mit frü­he­ren deut­schen Krie­gen ver­mie­den wer­den, wohl aber soll­ten die Er­fah­run­gen als Warn­schil­der die­nen. Die deut­sche Wehr­macht hatte im Zwei­ten Welt­krieg, ob­wohl sie und ihre Nach­fol­ger be­kannt­lich bis heute für “sau­ber” plä­die­ren, den be­rüch­tig­ten ge­hei­men “Kom­mis­sars­be­fehl” zu ver­ant­wor­ten. Der be­stand in nichts an­de­rem als in “ge­ziel­ten Tö­tun­gen” von tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen ak­ti­ven Kom­mu­nis­ten hin­ter der Ost­front auf bloße De­nun­zia­ti­on hin. Heute häu­fen sich in Af­gha­nis­tan Mel­dun­gen über “Vor­fäl­le” mit in­ter­na­tio­na­len Eli­te­ein­hei­ten, die sehr erns­te “Rutsch­ge­fah­ren” si­gna­li­sie­ren. Auch wenn die Bun­des­wehr sel­ten di­rekt be­tei­ligt sein soll­te, sitzt sie im glei­chen Boot. Ab­wei­chend von den Be­für­wor­tern des Af­gha­nis­tan­krie­ges ver­tre­ten wir die An­sicht, dass wir als Deut­sche auf­grund un­se­rer mi­li­tä­ri­schen Ge­schich­te sehr wohl fa­ta­le Es­ka­la­ti­ons­pro­zes­se be­son­ders auf­merk­sam be­ob­ach­ten und be­son­ders kon­se­quent mei­den soll­ten.

Wir kön­nen ja nicht ein wei­te­res Mal auf eine neu­er­li­che “Gnade der spä­ten Ge­burt” war­ten, weil wir ja sämt­lich schon längst ge­bo­ren sind.

Hart­mut Drei­er für AMOS, Jür­gen Link für kul­tuR­Re­vo­lu­ti­on

Wir bit­ten um Un­ter­stüt­zung die­ses Ap­pells zwecks Ver­öf­fent­li­chung (Un­ter­zeich­nung) bis zum 20.1.2010 (Name, Vor­na­me, Wohn­ort, Beruf/Funk­ti­on und/oder Titel). Herz­li­chen Dank!

Jetzt un­ter­zeich­nen: http://bangemachen.com/2010/heraus-aus-der-sackgasse-in-afghanistan/


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