Grimma. Als 276. Kommune erinnert Grimma mit insgesamt 24 Stolpersteinen namentlich an jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Die ersten elf von dem Kölner Künstler Gunter Demnig geschaffenen Steine wurden gestern von ihm persönlich in den Fußweg eingelassen. Damit gedenkt Grimma dreier Familien, die vor ihrer Deportation in der Muldestadt lebten: der Familie Nikusch in der Friedrich-Oettler-Straße 20 sowie der Familie Motulsky in der Lange Straße 58 und der Familie Urbach in der Brückenstraße 23.

Die heute 88-jährige Ursula Michael kannte die Familie Urbach in der Brückenstraße 23 sogar persönlich. „Haut ab, haut bloß ab“, könne sie sich erinnern, genau das der Familie damals geraten zu haben. Sie selbst wohnte in der Schulstraße Ecke Kreuzstraße und sei gerne in Urbachs Textilladen zum Einkaufen gegangen. „Nicht etwa, weil wir immer mal etwas angeschrieben bekamen. Die Urbachs waren wirklich ganz nette Leute.“ Eine andere jüdische Familie wohnte schräg gegenüber, weiß die Seniorin noch genau, und habe es rechtzeitig geschafft, Grimma zu verlassen.
Während Schüler vom St. Augustin Gymnasium musizierten – „Schalom, Schalom, der Friede sei mit dir“ stand unter den Noten – stellten Maximilian Böhme, Richard Kurth und Marius Rauschenbach mit Plakaten die jüdischen Familien vor, deren Angehörigen die ersten Stolpersteine gewidmet sind. Parallel dazu ging der Künstler Gunter Demnig mit geschickten Händen zu Werke, um das Pflaster zu öffnen und mit den Stolpersteinen wieder zu schließen. Die etwa zehn mal zehn Zentimeter großen Platten funkelten in der Sonne. Dann sagte er: „Wer auch immer so einen Stolperstein entdeckt und die Inschrift lesen möchte, muss sich verbeugen.“ Oberbürgermeister Matthias Berger verbeugte sich derweil vor den Initiatoren, die allesamt aus einer Privatinitiative heraus das Projekt auf den Weg brachte. „Solche Dinge erinnern an die Toten und mahnen die Lebenden“, sagte er und fügte an: „Das ist wichtig, weil es noch immer Rassismus und Menschenverachtung gibt.“ Ulf Weiland informierte als einer der Hauptinitiatoren darüber, dass ein Stolperstein 95 Euro kostet und alle Steine durch Spenden finanziert worden sind. So auch durch die Gymnasiasten der Klasse 10/1 im Leistungskurs Geschichte für die Familie Urbach. Vor zwei Jahren schon, so erzählte deren Lehrerin Steffi Kunadt, habe man sich besonders mit der Familie Urbach beschäftigt und sogar Kontakte zu Thea Hurst geknüpft. Das war eine Schulfreundin von Philip, dem großen Sohn der Urbachs. „Und damit haben wir die evangelische Kirchgemeinde einbinden können, die uns bei der Aufarbeitung der Geschichte half.“ Für Kerstin Köditz ist es wichtig, „heute mehr denn je, gerade diese Altersgruppe gegen Fremdenhass zu sensibilisieren. Schön, dass es in diesem Fall aus eigenem Interesse heraus geschah. Nur wenn die Jugendlichen die Geschichte an sich heran lassen, wird diese auch für sie begreifbar.“ Frank Schmidt

Text: LVZ Muldental, Frank Schmidt

Bilder: Marcel Gürnth


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