Angstzone Colditz

Aug 23rd, 2009 | Von | Kategorie: Antifaschismus
Kerstin Köditz kritisierte Polizei und Bürgermeister Manfred Heinz (FDP)

Kerstin Köditz kritisierte Polizei und Bürgermeister Manfred Heinz (FDP). Im Hintergrund Nazis, die versuchten, die Veranstaltung zu stören.

An und für sich ist Colditz eine schöne Stadt, ruhig und grün gelegen, reich an Sehenswürdigkeiten und reich an Touristen. Die Jugendherbergen der Stadt haben sich auch auf internationale Gäste spezialisiert, besonders viele Briten und Polen besuchen Colditz – wegen des “Colditz Castle”, dem Schloss von Colditz, das von 1933 bis 1934 als KZ, später als Offiziersinternierungslager genutzt wurde. Dass hier in Colditz eins der ersten KZ’s stand, dürfte nicht zuletzt an der tiefbraunen Vergangenheit der Stadt liegen. 1922 gründete sich einer der ersten NSDAP-Ortsverbände, 1932 kam Hitler zum 10-jährigen Jubiläum vorbei. Mit den geistigen Nachfolgern dieser Zeit kämpfen Colditzer EinwohnerInnen heute mehr denn je.
Am Sonnabend (22. August) sollte als Zeichen für Demokratie ein antirassistisches Fußballturnier in der Muldestadt stattfinden. Organisiert wurde es von der Kampagne “Meine Stimme gegen Nazis”, die einen Beitrag zum Nicht-Einzug der NPD in den Landtag leisten möchte. Unterstützt wurde das Turnier von DFB-Präsident Theo Zwanziger, Grünen, LINKEN und vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen und Vereinen.
Doch es kam alles ganz anders.

Die Nazis versuchten, die Anwesenden einzuschüchtern und die Kundgebung zu stören.

Die Nazis versuchten, die Anwesenden einzuschüchtern und die Kundgebung zu stören.

In der Woche vor dem Turnier sollte ein routinemäßiges Kooperationsgespräch zwischen Veranstaltern, Polizei und Bürgermeister Manfred Heinz (FDP) stattfinden. Heinz forderte als Auflage eine Bürgschaft von den Veranstaltern, vier Wochen rund um den Veranstaltungstermin für Schäden am Sportplatz zu haften. Eine solche Garantie kann niemand geben, zumal Heinz den Nazis damit den einfachsten Weg wies, zivilgesellschaftliche Aktivitäten gegen Rechts im Keim zu ersticken. Aber auch die Polizei wurde ihrem Anspruch “Freund und Helfer” zu sein nicht gerecht. Obwohl das Fußballturnier bereits zwei Monate zuvor angekündigt wurde, sah man sich nicht in der Lage, das Spielfeld personell abzusichern. Die Polizei schien also den Ernst der Lage zu erkennen – doch warum reichen zwei Monate nicht aus, um zusätzliche Einsatzkräfte nach Colditz zu beordern?
Als Ersatzveranstaltung wurde eine Kundgebung auf dem Colditzer Markt organisiert, zu der sich etwa 50 AntifaschistInnen einfanden, Colditzer waren dabei leider in der Minderheit. Das verwunderte wenig, da Neonazis ständig Streife fuhren und Ausschau nach nicht-rechten Menschen hielten. Zudem fanden sich dutzende Faschisten am Markt ein – offensichtlich, um die Anwesenden einzuschüchtern. Inzwischen bereits seit Jahren verbreiten Nazis in Colditz ein Klima der Angst. Einem Elektro-Händler, der eine Turnhalle für ein linkes Konzert zur Verfügung stellte, wurden die Scheiben eingeschlagen und der Laden verwüstet, die Räume des alternativen “Freiräume Muldental e.V.” wurden verwüstet, gewalttätige Übergriffe sind schon fast an der Tagesordnung… Und Justitia scheint auf dem rechten Auge besonders blind. Mehrere Gerichtsprozesse gegen Colditzer Nazis endeten mit Freisprüchen oder lapidaren Geld- bzw. niedrigsten Bewährungsstrafen. Aber auch die Colditzer Polizei wurde ihrem schlechten Ruf gerecht. Auf die Aufforderung, die anwesenden Nazis von der Kundgebung zu entfernen, erwiederte der Einsatzleiter: “Solange nischt bassiert ist, gibts keen Grund, einzuschreidn.”

Maximilian von Herder, der für die "Freien Sachsen" kandidiert, hatte offensichtlich keine Berührungsängste gegenüber Nazis. Kein Wunder: Er kandidierte in Leipzig bereits für die DSU zum Stadtrat.

Maximilian von Herder (li.), der für die "Freien Sachsen" zur Landtagswahl antritt, hatte keine Berührungsängste mit den Nazis. Kein Wunder: Er kandiderte bereits für die Rechtsaußen-Partei DSU in Leipzig. Die Unabhängige Wählervereinigung im Landkreis Leipzig hat sich von ihm bereits deutlich distanziert.

Um dennoch zu zeigen, dass eine “national befreite Zone”, wie sie die Nazis haben wollen, nicht geduldet wird, wurde die Kundgebung über zwei Stunden lang durchgezogen. Die Bands “HeMaTom” aus Colditz und “Manquittar” aus Leipzig spielten antifaschistische Musik, die Bundespolitikerin Monikar Lazar (B’90/Grüne) und die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (DIE LINKE) sprachen den Anwesenden Unterstützung für den Kampf gegen Rechts aus. “Meine Stimme gegen Nazis? Selbstverständlich! Und meinen Einsatz dazu! Das sollte Allgemeingut in der Bevölkerung werden. Ich danke der Kampagne ausdrücklich dafür, dass sie zu diesem Anliegen einen Beitrag leistet”, so Köditz in ihrer Rede.
Die vollständige Rede finden Sie hier.

Text/Bilder: M. Gürnth


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