Graswurzel- und Landtagsarbeit (Junge Welt, 26.05.2009)
Mai 25th, 2009 | Von admin | Kategorie: Allgemein, MedienechoKerstin Köditz hat ihre Erkenntnisse über die sächsische NPD veröffentlicht
Von Markus Bernhardt
Die neofaschistische NPD stellt allen aktuellen Flügelkämpfen zum Trotz eine große Gefahr für Migranten und Andersdenkende dar. In Sachsen, wo die Partei derzeit über acht Abgeordnete im Landtag verfügt und bei der vergangenen Kommunalwahl mancherorts zweistellige Ergebnisse einfuhr, scheint es, als sitze sie fest im Sattel. Die NPD rechnet bei der diesjährigen Landtagswahl fest mit einem Wiedereinzug in das dortige Landesparlament und hat offenbar berechtigten Anlaß für ihre Hoffnung: Bei den letzten Landrats- und Kreistagswahlen 2008 war es den extremen Rechten gelungen, insgesamt 5,1 Prozent der Wählerstimmen auf sich zu vereinen. Damit vervierfachte die neofaschistische Partei ihr Ergebnis im Vergleich zur Kommunalwahl von 2004. In der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna in der Sächsischen Schweiz kam die NPD vor einem Jahr auf 25,2 Prozent der Stimmen. Während sie mancherorts zweistellige Ergebnisse einfuhr, lag die ehemalige Volkspartei SPD vielerorts unter fünf Prozent.
Die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Die Linke) hat nunmehr ein Buch über die Neofaschisten in diesem Freistaat vorgelegt. In »Und morgen? Extreme Rechte in Sachsen« schildert die engagierte Antifaschistin ihre Erfahrungen mit der NPD und anderen neonazistische Gruppierungen. Der Band sei nicht aus Sicht einer außenstehenden Wissenschaftlerin oder einer beobachtenden Journalistin geschrieben, so Köditz. Vielmehr wolle sie in ihrem Buch »von meinen Erfahrungen mit den Rechten sprechen und Überlegungen anstellen«. »Noch ist es Zeit, aus den zahlreichen Fehlern zu lernen, die in Sachsen beim Umgang mit der extremen Rechten gemacht worden sind und gemacht werden«, so Köditz weiter. Sie verweist darauf, daß die derzeitigen Flügelkämpfe in der Neonazipartei keinesfalls Grund zur Entwarnung geben. Die Autorin resümiert: »Zivilcourage ist wichtig, ebenso eine funktionierende Zivilgesellschaft«. Aber selbst wenn beides vorhanden wäre, könne damit allein der Aufstieg der NPD nicht gestoppt werden.
Das Buch der Linksparteipolitikerin ist eine facetten- und analysereiche Dokumentation der Aktivitäten der extremen Rechten in Sachsen, wie sie bisher noch nicht vorlag. Kerstin Köditz klärt über die zahlreichen Fehlentscheidungen der etablierten Politik in bezug auf den Umgang mit den Neonazis auf. Viele Politiker und Funktionsträger - aber auch weite Teile der sächsischen Bevölkerung - verschließen nur allzu gern die Augen. Dabei bleibt die Antifaschistin - im Gegensatz zu manchen bisherigen Veröffentlichungen zur extremen Rechten in Sachsen - nicht nur bei der Beschreibung der Zustände stehen, sondern macht Vorschläge für eine antifaschistische Strategie und Praxis. Ihr Buch ist höchst empfehlenswert für all diejenigen, die sich ein realistisches Bild von der Situation in Sachsen machen wollen. Denn die spricht Rechtsstaatsprinzipien, dem Grundgesetz und zahlreichen einschlägigen Gesetzen Hohn. Vor allem eine Weisheit Köditz’ sollten sich viele politisch Aktive zu Herzen nehmen: »Je weniger links die Linke ist, desto stärker wird die Rechte«!
Kerstin Köditz: Und morgen? - Extreme Rechte in Sachsen. Verbrecher Verlag, Berlin 2009, 224 Seiten, 14 Euro * ISBN 978-3-940426-17-8








