Diskussion in der Höhle des Löwen (Der klare Blick Chemnitz, Mai 2009)

Mai 16th, 2009 | Von | Kategorie: Medienecho

Symposium zur Extermismustheorie am 16. April an der TU Chemnitz

Ursprünglich als wissenschaftliche Konferenz in der Höhle des Löwen geplant, dann als Symposium unter dem Motto “Extremismustheorie in der Kritik” von der Landtagsfraktion der Linken, der Roten Hochschulgruppe und dem Rothaus veranstaltet, fand am 16. April zum ersten Mal an der Chemnitzer Uni eine größere kritische Veranstaltung zur Wirkung und Hintergründen des Extremismusansatzes statt. Das, was in Chemnitz unhinterfragte und sehr wirkungsmächtige Lehrmeinung ist, sollte näher durchleuchtet und analysiert werden, um einen wirklichen Diskurs über eine außerhalb Sachsens nicht unumstrittenen, vermeintlich wissenschaftlichen Ansatz führen zu können.
Nun kommt manchmal viel Unvorhergesehenes auf einmal und die vielen Besucher bekamen gleich zu Beginn zu hören, dass beide Fachreferenten (Prof. Wolfgang Wipperman und Dr. Kellershohn) innerhalb von 24 Stunden vor der Veranstaltung krankheitsbedingt absagen mussten. Da rund 100 ZuhörerInnen den Weg trotz herrlichen Frühlingswetters in die Uni gefunden hatten, musste improvisiert werden, sodass nun Dr. Gerd Wiegel, der eigentlich als Moderator geplant war und Erik von der Inex (Initiative gegen jeden Extremismusbegriff) unter der Moderation von Volkmar Wölk mit Kerstin Köditz und Klaus Bartl von der Linksfraktion im sächsischen Landtag diskutierten.
Die ReferentInnen stellten anschaulich dar, wie schwierig die unbestimmte Selbstzuschreibung einer vermeintlich neutralen “guten” Mitte ist, die sich gegen “böse”, “extremistische” Ränder wehren muss. Die Annahme, dass solch eine Betrachtung rein formal ist und die Ideologie der linken und rechten Ränder im “legitimen” Vergleich und der Gleichsetzung keine Rolle spielt, öffnet einerseits einer Relativierung von Faschismus und Holocaust die Tore und dient andererseits in der politischen Praxis zur Legitimierung von Ausgrenzung und Stigmatisierung politischer Gegner. Unsere beiden Parlamentarier zeigten, welche absurden Blüten die Anwendung dieser Theorien in der Praxis hervorbringt und Beiträge aus dem Publikum verdeutlichten, wie schwammig eine Unterscheidung zwischen dem “harten Extremismus” der NPD gegenüber einem “weichen Extremismus” der Partei Die.Linke ist. Die Inex kritisierte eine unreflektierte Anwendung des Extremismusbegriffs auf Nazis, die gespeist von dem Wunsch, selbst zur demokratischen Mitte gerechnet zu werden, nur der vordergründigen Abgrenzung vom politischen Gegner dient und versuchte für die Notwendigkeit anderer Begrifflichkeiten zu sensibilisieren. Bei der langen anschließenden Diskussion meldeten sich einerseits Vertreter des Lehrstuhls Jesse zu Wort, an denen z.T. undifferenziert aller Frust abgelassen wurde, andererseits bekamen Vertreter des neonazistischen Freien Netzes und des “Neurechten” Onlineportals “Blaue Narzisse” eine Bühne, um ihre absurden und menschenverachtenden Theorien vermitteln zu können.
Nach zweieinhalb Stunden Diskussion wurde die Veranstaltung mit dem Versprechen, einen Vortrag von Herrn Wippermann zu seinem neuen Buch “Dämonisierung durch Vergleich: DDR und drittes Reich” nachzuholen und eine kritischen Diskurs weiter befördern zu wollen, beendet. Auch wenn aus den kurzfristigen Absagen das beste gemacht wurde und allein die Quantität des Auditoriums ein echter Erfolg war, bleibt von dem Abend ein schaler Nachgeschmack. Genau das, was diese Veranstaltung eigentlich wollte, nämlich Professor Jesse und Co. Unwissenschaftlichkeit und politische Instrumentalisierung bzw. Ideologisierung eines akademischen Lehrgebäudes nachzuweisen, wurde durch Polemik und ein für einen Hörsaal zu parteienlastiges Podium verfehlt, da man diesem ohne echte Kontroverse untereinander zu leicht reine Rechtfertigungsrethorik unterstellen kann. Dennoch ist es notwendiger denn je, sich in die geisteswissenschaftlichen Diskurse an unseren Universitäten einzumischen und dort, wo kritisches Hinterfragen nicht mehr vermittelt wird bzw. erwünscht ist, wenigstens punktuell kritisch-emanzipatorische Akzente zu setzen.

Freya-Maria Klinger
& Tim Detzner


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