Thallwitz: Sollte eine Schule so heißen?

Apr 15th, 2009 | Von admin | Kategorie: Landkreis Leipzig

Ein schmales Bändchen hat in Sachsen für Furore gesorgt. Der Chemnitzer Historiker Geralf Gemser hat unter dem Titel “Unsere Namensgeber” eine Arbeit vorgelegt, die beansprucht auf 78 Seiten Auskunft über “Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933 — 1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen” zu geben. Plötzlich war beispielsweise der Name der Förderschule für geistig Behinderte in Frankenberg in aller Munde. Sie ist nach Max Kästner benannt, der in dem Ort selbst als Lehrer gearbeitet hatte. Die Schule wehrt sich gegen einen Vorwurf bezüglich des Namensgebers, den Gemser inzwischen selbst korrigiert hat, zieht aber zugleich das Fazit: “Es bleibt die Aufgabe der Schule, sich mit dem Leben des Frankenberger Heimatforschers, Pädagogen und Biologen zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.”
Das wäre gerade im Fall von Max Kästner sehr wünschenswert und meiner Meinung nach auch notwendig. Erstens nämlich nimmt ein Mitglied des Fördervereins Gemsers Irrtum zum Anlass, Max Kästner von NS-Nähe freizusprechen. Und zweitens gab es natürlich auch ein Leben nach der NS-Zeit. Das machte ihn 1945 zum Ausbilder von Neulehrern in Biologie und Heimatgeschichte. Er trat in die Liberaldemokratische Partei ein und erhielt im Dezember 1954 die Ehrendoktorwürde der TU Dresden für “seine hervorragenden Verdienste auf dem Gebiet der botanischen Heimatforschung und der Entwicklung der Vegetationskunde.”
Also alles nur laue Luft? Nicht so ganz. Immerhin trat er bereits 1934 dem NS-Lehrerbund bei. Und wenn es der Frankenberger Schule wirklich ernst wäre mit ihrem Vorhaben, sich intensiv mit Kästner auseinanderzusetzen, dann hätte sie inzwischen auch Zeilen wie die folgenden aus dem Jahr 1942 kennen können. Kästner schrieb damals als Schriftführer der Arbeitsgemeinschaft sächsischer Botaniker im typischen NS-Jargon über das Kleine Springkraut, diese “mongolische Pest” müsse beseitigt werde. Nach einem regelrechten Schlachtplan gegen die Pflanze schließt er: “Wie beim Kampf gegen den Bolschewismus unsere gesamte abendländische Kultur auf dem Spiele steht, so beim Kampf gegen den mongolischen Eindringling eine wesentliche Grundlage dieser Kultur, nämlich die Schönheit unseres heimischen Waldes!” Die Auseinandersetzung mit der Vita Kästners wird wohl tatsächlich weiterhin notwendig bleiben. Sollte Gemser dazu den Anstoß gegeben haben, hätte seine Fleißarbeit bereits einen Erfolg gehabt.
An Thallwitz ging die Aufregung um Gemsers Buch scheinbar spurlos vorbei. Die dortige Mittelschule geriet nicht in die Schlagzeilen. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass einige Leute hörbar aufgeatmet haben, als der ausgestreckte Zeigefinger auf die Gemeinde ausblieb. Auch der Name der dortigen Grundschule gibt nämlich Anlass zu der Frage: “Sollte eine Schule so heißen?”
Im Rahmen einer Festwoche zum 750-jährigen Bestehen des Ortes war die Grundschule 2003 feierlich nach Wolfgang Rosenthal benannt worden. Die Laudatio hielt seine Tochter. Die Schule hat sich einen guten Namen durch ihr Ganztagsangebot gemacht. Alle Erstklässler lernen Englisch. Am 18. März 2009, einige Wochen nach dem Erscheinen von Gemsers Buch, berichtete die LVZ über diese begrüßenswerte Entwicklung der Schule. Berechtigt wird in der Lokalzeitung die “musisch-künstlerische Profilierung” gelobt und darauf hingewiesen, dass das Ganztagsangebot maßgeschneidert für sozial schwache Familien sei. Eine makellose Erfolgsgeschichte also.
Nicht ganz. Da gibt es nämlich noch den Namensgeber Wolfgang Rosenthal, ehedem Professor für Chirurgie in Leipzig. Seine Vergangenheit in der NS-Zeit ist eindeutiger als die oben angerissene von Max Kästner. 1933 wurde er Mitglied der NSDAP und förderndes Mitglied der SS. 1935 trat er noch zusätzlich dem NS-Lehrerbund und dem NS-Ärztebund bei. Die Karriere, die ihn auch zum Vorsitzenden der Gesellschaft für Kiefer- und Gesichtschirurgie und zum Chefredakteur einer Fachzeitschrift werden lässt, endet plötzlich 1937, da er den notwendigen Ariernachweis nicht vorlegen kann. Sein Großvater soll Jude gewesen sein. Rosenthal verliert zwar die Lehrbefugnis, hat aber keine weiteren Nachteile. Er gründet sogar in Leipzig eine Privatklinik, mit der er im Sommer 1943 in das Schloss Thallwitz umzieht. Und auch mit dem Ariernachweis klappt es in diesem Jahr 1943. Er macht glaubhaft, so der Historiker Ernst Klee in seinem “Personenlexikon zum Dritten Reich”, dass er aus einer nichtehelichen Beziehung zu einem “Arier” stammt, somit “reinrassig” ist.
Auch im Fall von Rosenthal ist ein Blick auf die Nachkriegskarriere aufschlussreich. Mit den neuen Machthabern arrangiert er sich ebenso wie mit den alten. Zunächst tritt er in die SPD ein, 1946 in die SED. Seine Klinik in Thallwitz betreibt er weiter. Ab Mai 1950 ist er außerdem Direktor der Kieferklinik in Berlin. Auszeichnungen bleiben nicht aus. 1955 erhält er den Nationalpreis der DDR, 1962 die Auszeichnung “Hervorragender Wissenschaftler des Volkes”. Die Gemeinde Thallwitz ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger.
Ich will nicht richten. Ich bin mir jedoch sicher, dass Rosenthal, wenn er denn nach der Wende noch gelebt hätte und beruflich aktiv gewesen wäre, als “systemnah” aus dem Universitätsbetrieb gesäubert worden wäre. Tausenden Wissenschaftlern ist es nach 1990 so ergangen. Rosenthal war sogar in zwei Systemen ausgesprochen systemnah, die heute offiziell als die “beiden deutschen Diktaturen” bezeichnet werden. Nach allem, was wir wissen, kann ihm kein Fehlverhalten zum Nachteil anderer Menschen vorgeworfen werden. Ich gehe davon aus, dass er weder ein überzeugter Nazi noch ein überzeugter Kommunist gewesen ist. Ich glaube vielmehr, dass er der typische Opportunist und Untertan gewesen ist, der sein Fähnlein jeweils in den herrschenden Wind hängte.
Meiner Meinung nach sollte die Persönlichkeit eines Namensgebers für eine Schule für die dort Lernenden eine deutliche Vorbildfunktion haben. In beruflicher Hinsicht trifft dies auf Wolfgang Rosenthal zweifellos zu. Mit Grund hat sich die Selbsthilfegruppe Lippen-Gaumen-Fehlbildungen nach ihm benannt. Auch ein berufliches Schulzentrum für Gesundheit in Neukirchen Erzgebirge trägt seinen Namen. In beiden Fällen wird sein Engagement als Arzt gewürdigt. Doch sollte ausgerechnet eine Grundschule nach jemanden benannt werden, der Zeit seines Lebens Opportunist und politisch prinzipienlos war? Man kann diese Frage bejahen. Es mag legitime Gründe dafür geben. Aber die Diskussion darüber sollte geführt werden. Verschweigen nützt niemandem. Die Medien haben sich diesmal auf die Max-Kästner-Schule in Frankenberg gestürzt. Es hätte genauso die Wolfgang-Rosenthal-Schule in Thallwitz sein können. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Wie in Frankenberg müsste jetzt die Schlussfolgerung lauten: “Es bleibt die Aufgabe der Schule, sich mit dem Leben (Rosenthals) zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.” Fragen wird allerdings einer besonders beantworten müssen: Bürgermeister Kurt Schwuchow, der der CDU nahe steht. Mir — und nicht nur mir — erscheint es jedenfalls unwahrscheinlich, dass er von der Vergangenheit Rosenthals nichts gewusst hat. Wäre dies jedoch tatsächlich der Fall, machte dies die Angelegenheit nicht besser für Schwuchow. Als Bürgermeister hat er als erster die Aufgabe, über Dinge, die die Außendarstellung und den Ruf seiner Gemeinde betreffen, informiert zu sein.


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