Rosa Luxemburg? Presente! Karl Liebknecht? Presente!

Jan 18th, 2009 | Von | Kategorie: Antifaschismus, Landkreis Leipzig

Rede von Kerstin Köditz zur Ehrung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 17. Januar 2009 in Lindhardt

Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde!

Vor genau zwei Wochen haben wir, als ein wesentlich kleinerer Kreis, an einem Straßenschild in Wurzen gestanden. Die Straße ist nach Johannes Thomas benannt. Ein ehemaliger Einwohner Wurzens, den allermeisten heutigen Bürgerinnen und Bürger der Stadt völlig unbekannt. Auch an dem Straßenschild keine Erläuterung, um wen es sich gehandelt hat.
Klaus Meissner, Stadtrat unserer Partei in Wurzen, hatten Daten aus der Biografie von Johannes Thomas recherchiert, der als Mitglied der Zeugen Jehovas unter ungeklärten Umständen im Konzentrationslager der Nazis der gestorben ist. Wir hatten uns anlässlich des 70. Todestages getroffen, um ein Opfer der Nazis zu ehren. Klaus Meissner erinnerte in seiner Rede aber auch daran, dass unweit dieser kleinen Straße, an der wir uns befanden, noch immer unbehelligt einer der Nazi-Täter lebt. Verurteilt von einem italienischen Gericht wegen seiner Beteiligung an einem Massaker, vorwiegend an Frauen und Kindern, während des Zweiten Weltkrieges braucht er seine Auslieferung an Italien nicht zu befürchten. Er wird seiner gerechten Strafe entgehen. Kurz nach Kriegsende hatte Wolfgang Staudte für die DEFA den Film „Die Mörder sind unter uns“ gedreht, eine eindringliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und den Versuchen ihrer Verdrängung. Die Mörder, das zeigt das Beispiel Wurzen, sind noch immer unter uns.

Heute haben wir uns hier wie jedes Jahr in Lindhardt am Gedenkstein für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht versammelt. Auch bei ihnen handelt es sich um einen runden Todestag. Vor neunzig Jahren wurden sie ermordet. Als wir zuletzt hier standen, im Sommer des vergangenen Jahres, war gerade die Gedenktafel gestohlen wurden. Unsere Ortsgruppe Naunhof hatte dafür gesorgt, dass ein zwar provisorischer, aber schöner Ersatz geschaffen wurde. Heute ist wieder eine würdige Gedenktafel vorhanden. Dank der Initiative der Naunhofer LINKEN. Und nicht zuletzt dank der finanziellen Absicherung durch die Stadt Naunhof. Vielleicht ist dies ja ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass die Zeit der Bilderstürmerei sich dem Ende zuneigt, jene Zeit, in der alles ausgelöscht werden sollte, was mit dem Sozialismus in Zusammenhang steht.

Auch im Fall Liebknecht/Luxemburg galt lange Zeit, dass die Mörder noch unter uns leben. Wir aber, die wir Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gedenken, werden auch ihre Mörder und deren Auftraggeber nicht vergessen. Wir werden sie auch deshalb nicht vergessen, weil ihr Leben den unauflösbaren Zusammenhang zwischen Großindustrie, Faschismus und Krieg demonstriert.

Der Regisseur und Autor Klaus Gietinger hat in dieser Woche ein Buch veröffentlicht, das erstmals die Lebensgeschichte des Haupttäters nachzeichnet. Unter dem Titel „Der Konterrevolutionär“ zeichnet er auf über 500 Seiten den Verlauf „einer deutschen Karriere“.
Der Historiker Karl Heinz Roth schreibt in seinem Vorwort zu den Ergebnissen dieser Studie:
„Die Historiker der Sozialdemokratie werden nicht mehr umhin können, die rechtsextremistische Phase ihrer politischen Heimat in der Etappe des ‚Burgfriedens’ und der Konterrevolution selbstkritisch aufzuarbeiten, die Umbenennung der Friedrich-Ebert-Stiftung zu fordern und sich für die Wiedererrichtung des von den Nazis geschleiften Berliner Luxemburg-Denkmals einzusetzen.“ Ich würde mir wünschen, dass der Westdeutsche Karl Heinz Roth Recht hat,
denn die Verantwortung der SPD-Führung für die Morde wird in dem Band akribisch nachgewiesen. Ich bezweifle es allerdings. Dagegen spricht die Geschichte der SPD, die nicht von Lernfähigkeit zeugt. Ich habe es jedenfalls noch nicht erlebt, dass sich die SPD für die beiden Morde entschuldigt hätte, dass sie sich für den Berliner Blutmai 1929 mit 33 Toten
entschuldigt hätte, dass sie sich für die Opfer des Kalten Krieges in der alten Bundesrepublik entschuldigt hätte, dass sie sich für die Opfer ihrer Berufsverbotepolitik entschuldigt hätte. Und ich wage die Prognose, dass sie sich auch nie für die Folgen der Politik des sozialen Kahlschlags unter ihrer Regierungsverantwortung entschuldigen wird.

„Die Mörder sind unter uns“. Das gilt auch für Waldemar Pabst, den Konterrevolutionär, der bis zu seinem Tod unbehelligt in der Bundesrepublik lebte. Seine Lebensgeschichte ist der Nachweis, auf welche Weise sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die SPD mit Mörderbanden und dem Großkapital verbündet hatte, um das kapitalistische System zu retten.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aber lehnten es ab, Arzt am Totenbett des Kapitalismus sein zu wollen. Liebknecht hatte die Kredite zur Finanzierung des Krieges abgelehnt und betont:
„Der Hauptfeind steht im eigenen Land.“ Als Sozialist in einem imperialistischen Land muss ich zuerst und vor allem den Imperialismus des eigenen Landes bekämpfen. Rosa Luxemburg hatte in den innerparteilichen Auseinandersetzungen in der SPD immer wieder darauf hingewiesen, dass der Massenmobilisierung, der Befähigung zur Eigeninitiative, den Betriebskämpfen eine entscheidende Rolle zukommt. Nicht anderes meint übrigens Oskar Lafontaine, wenn er heute erklärt, wir müssten französisch lernen. Sie unterlag in einer SPD,
deren Führung sich schon längst auf den Parlamentarismus als einzige Kampfform reduziert hatte. Wie lange bleibt man in einer Partei in der Hoffnung, sie zum Besseren verändern zu können? Wo ist die Schmerzgrenze? Kann man eine Wanderdüne auf ihrem Weg nach rechts aufhalten?

Ich will die Kämpfe der Vergangenheit nicht erneut ausfechten. Aber wir alle ziehen natürlich in unserem eigenen Kopf Parallelen. Das ist nicht nur berechtigt, das ist notwendig, wenn man Lehren aus der Vergangenheit ziehen will.

Was habe ich persönlich von Rosa Luxemburg gelernt? Zunächst, dass man vor den Konsequenzen des eigenen Handelns nicht zurückschrecken darf. Die Gründe für die Verurteilungen von Rosa Luxemburg lesen sich für mich wie Auszeichnungen:
Majestätsbeleidigung, Anreizung zum Klassenhass, Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit. Der letztgenannte Vorwurf brachte ihr ein Jahr Haft ein. Was hatte sie getan? Bei einer Kundgebung in Frechenheim hatte sie zu Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung aufgerufen. Wörtlich: „Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffen gegen unsere französischen oder anderen ausländischen Brüder zu erheben, so erklären wir: ‚Nein, das tun wir nicht!‘“ Ein wahrhaft ehrenwerter Grund, ins Gefängnis zu gehen. Was habe ich noch von ihr gelernt? Dass es keine Dogmen geben darf, sondern dass man die Grundlagen des eigenen Handelns immer wieder kritisch hinterfragen muss. Sie selbst fasste dies so zusammen: „Marxismus ist eine revolutionäre Weltanschauung, die stets nach neuen Erkenntnissen ringen muss, die nichts so verabscheut wie das Erstarren in einmal gültigen Formen, die am besten im geistigen Waffengeklirr der Selbstkritik und im geschichtlichen Blitz und Donner ihre lebendige Kraft bewahrt.“ Für Rosa Luxemburg hatte die Partei keineswegs immer Recht. In ihrer Schrift „Sozialreform oder Revolution“ forderte sie explizit von ihrer Partei,
die müsse die Selbsttätigkeit der Arbeiter fördern und nicht blockieren. Für mich als Linke und als Mitglied der Linken heißt das, dass wir keine Stellvertreterpolitik machen dürfen. Unsere Politik wird nur dann sozialistisch und demokratisch sein, wenn wir außerparlamentarische Massenaktionen fördern und in den Parlamenten das Sprachrohr dieser Massen sind. Unser Weg können nicht die Gespräche mit den Machthabern in den Hinterzimmern der Macht sein,
unser Weg kann nur in der Entfaltung von Druck auf die Mächtigen bestehen. Das schafft Glaubwürdigkeit, das schafft Transparenz, das schafft Demokratie. Das schafft letztlich eine wahrhaft linke Partei. Wie sie glaube ich, dass es keine fertigen Rezepte für die notwendige grundlegende Umgestaltung der Gesellschaftsordnung gibt. Ich zitiere Rosa Luxemburg nochmals: „Die moderne proletarische Klasse führt ihren Kampf nicht nach irgendeinem fertigen, in einem Buch, in einer Theorie niedergelegten Schema; der moderne Arbeiterkampf ist ein Stück in der Geschichte, ein Stück der Sozialentwicklung, und mitten in der Geschichte,
mitten in der Entwicklung, mitten im Kampf lernen wir, wie wir kämpfen müssen.“ Es ist die Dialektik von Spontaneität und Organisation, die sie fordert. In der Gegenwart in etwa das,
was Hugo Chavez in Venezuela umzusetzen versucht, wenn er durch Verfassungsänderungen
und Umgestaltung des Staatsapparates versucht, die Grundlagen dafür zu schaffen versucht,
dass sich die Bewohner der armen Stadtviertel selbst organisieren und verwalten können
und so wiederum zu Trägern des revolutionären Prozesses werden. Und, um noch einen letzten Punkt zu nennen, ich bewundere ihren revolutionären Optimismus, Optimismus auch in scheinbar ausweglosen Situationen. Wenn die Führung der Partei versagt, so ist sie sich sicher:
„Die Führung kann und muss von den Massen und aus den Massen heraus neu geschaffen werden.“ Und wenn alles verloren scheint, so weiß sie: „Eure ‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höhe richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: ‚Ich war, ich bin, ich werde sein!‘“

In Lateinamerika wird bei der Ehrung von Gefallenen fragend der Name des Betreffenden genannt. Und alle Anwesenden antworten im Chor: „Presente!“ – „Ich bin anwesend!“ In diesem Sinne wollen auch wir heute handeln: Rosa Luxemburg? Presente! Karl Liebknecht? Presente!

Das Buch zum Thema:

Gietinger, Klaus
Der Konterrevolutionär
Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere
Hamburg: Edition Nautilus, 2009
544 S., 39,90 €

Waldemar Pabst (1880-1970) ist der Inbegriff des Konterrevolutionärs. Als Offizier, politischer Organisator und Waffenhändler war er maßgeblich beteiligt an der Niederschlagung der Novemberrevolution und an der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Klaus Gietingers sorgfältig recherchierte Biografie ist ein Schlüsselwerk zur deutschen Geschichte.
“Es gelang dem Autor nicht nur, die Lebensgeschichte Pabsts umfassend auszuloten, sondern auch die wichtigsten Netzwerke der Konterrevolution und des europäischen Faschismus zu rekonstruieren. Seiner unbefangenen Neugier und seinem unbändigen Erkenntnisinteresse haben wir ein Forschungsergebnis zu verdanken, das überholte Denkmodelle hinter sich lässt, mit Tabus bricht und neue Maßstäbe setzt.” Karl Heinz Roth

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  1. [...] Initiative der Naunhofer Linken und der finanziellen Absicherung durch die Stadt Naunhof”, sagte Kerstin Köditz aus Grimma, Landtagsabgeordnete der Linkspartei. Heike Werner, die Chefin der Kreistagsfraktion der Linkspartei, betonte in ihrer Ansprache, dass [...]


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