Quergeist - heute: Mindestlohn, Qimonda und der Mensch

Jan 29th, 2009 | Von admin | Kategorie: Meine Meinung

Die Wirtschaftskrise ist nun schon Alltag geworden. Ob sie bei der Bevölkerung angekommen ist, das wissen nur die Götter. Ankommen. Was soll ankommen? Thematisiert werden die großen Konzerne und die damit verbundenen Arbeitsplätze. Was ist mit den anderen? Die LVZ schreibt am 23.1.2009, in großen fetten Buchstaben: „ Ausweitung der Mindestlöhne“ Gut, dachte ich mir. Das ist mal ein Anfang. Die Liste der Branchen ist mir dann schon auf den Magen geschlagen. Wir leben nun im Jahre 20 nach dem Mauerfall. Man sollte annehmen, dass die Trennung zwischen Ost und West der Vergangenheit angehört. Vom Bürger wird es immer verlangt, dass er im Sinne eines einheitlichen Deutschland denkt. Wie oft wurde gepredigt, die Mauer muss aus den Köpfen der Leute verschwinden. Umso mehr verwundert es mich, dass beim Thema Geld die Mauer schon wieder aufgebaut wird. Wie sollte man sich sonst erklären, das es einen Mindestlohn für Ost und West gibt? Warum gibt es nicht einen Mindestlohn für Deutschland? Egal welche Branche und welches Gebiet? Bei der Erklärung dieses Themas bin ich mir sicher, das es da ganz plausible Berechnungen gibt. Nur weichen sie wieder grundsätzlich von der Menschlichkeit ab. Wie will man einen Mitarbeiter der im Wachschutz arbeitet, erklären, dass seine Leistung im Westen bis zu 8,32€ wert ist, im Osten aber nur 6,00€? Oder Großwäscherein - im Westen 7,51€, im Osten 6,36€. Einzig die Entsorger sind einheitlich bei 8,02€. Aber Aus- und Weiterbilder erhalten in Westdeutschland 12,28€ und im Osten 10,93€.

Was soll man davon halten? Die Mitarbeiter beim Wachschutz oder der Großwäscherein scheinen ja keine sehr wertvolle Aufgabe zu haben, wenn man sie mit einen Lohn um die 6,00€ abspeisen will. Mit welchem Maße wird hier gemessen? Macht man sich wirklich keine Gedanken, was solch eine Handlung psychologisch auslöst? Und dann wundert man sich noch, dass Menschen in solchen Berufsgruppen nicht hinter ihren Firmen stehen. Kann man diesen Menschen noch böse sein, wenn sie es nur des Geldes wegen machen? Kann man da böse sein, wenn sie nicht motiviert sind? Kann man dann noch böse sein, wenn nur der Freizeit wegen Krankmeldungen kommen?
Ich kann es verstehen. Ein Mensch, der unter dem Gefühl seiner eigenen Ohnmacht und Wertlosigkeit steht, der ständig Zweifel hegt, ob er zu den Auserwählten oder zu den ewig Verdammten gehört, der kann kaum Freude empfinden.
Mit solch einer Teilung der Gesellschaft schüren wir nur den Zorn untereinander. Mit solchen Maßnahmen erziehen wir uns chronisch kranke Patienten. Wenn der Mensch aus dem Gleichgewicht kommt, wird er krank. Oftmals erleben wir heute den Menschen, der wie ein Automat handelt und fühlt. Man trifft nur noch Menschen die ein künstliches Lächeln an die Stelle tragen, wo ihnen eines echten Lächelns oftmals besser stehen würde, wo Verzweiflung und echter Schmerz überragen.
Wir müssen uns als Gesellschaft nicht wundern, dass so viele Menschen krank sind.
Sicherheitsängste, Versagensängste, Überlebensängste und vieles mehr schüren nur so die Krankheiten. Nehmen wir mal an, es gäbe drei oder vier Wochen lang weder TV, Radio, Zeitungen, Kino und Video. Welche Folgen hätte das für jeden einzelnen Menschen? Was passiert wenn man diese Hauptfluchtwege verschließt? Aktuell sehen wir es am Dschungelcamp, wo „ Prominente“, sich der Willkür der Massen aussetzen und RTL Millionen verdient. Wie verzweifelt muss man sein, um sich das in dieser Form anzutun? Millionen Menschen verfolgen dieses Schauspiel jeden Abend. Aber was geschieht mit jedem Einzelnen, wenn er selbst nichts weiter hat, außer sich selbst? Das Beispiel Giulia Siegel hat es eindeutig gezeigt. Wenn der Mensch keinerlei Ablenkungsmöglichkeiten mehr hat, treten seine Schatten an den Tag. Das, was Frau Siegel an den anderen Mitstreitern kritisierte, waren ausschließlich ihre ureigenen Charakterzüge.
Wie viele würden zusammenbrechen, wenn ihr eigens Ich zu Tage tritt? Und wie viele würden sich schämen? Könnten wir es akzeptieren, wenn jemand schwach oder vermeintlich stark ist? Würden wir diesen Menschen bedingungslos annehmen, nur aus einer Tatsache heraus, weil er einer von uns ist? Ein Mensch?
Fest steht: Wir als Mensch können uns an viele Umstände anpassen. Aber müssen wir es ausnutzen? Es gibt kaum eine psychische Bedingung, die der Mensch nicht ertragen und unter der er nicht fortbestehen könnte. Er kann als freier Mensch und als Sklave leben. Die Geschichte hat es an vielen Beispielen gezeigt. Er kann in Reichtum und Luxus leben und unter bitterstem Hunger. Es gibt kaum seelische Zustände, indem der Mensch nicht leben kann, und es gibt kaum etwas, was man mit ihm nicht tun und wozu man ihn nicht benutzen kann. Es hat den Anschein, dass alles, was politisch und wirtschaftlich passiert, richtig wäre. Aber trotzdem sollte man nicht vergessen, man kann erfolgreich unterdrückt und ausgebeutet werden. Aber man kann die Reaktionen gegen diese unmenschlichen Behandlungen nicht verhindern. Der Mensch wird argwöhnisch, bekommt Angst und fühlt sich vereinsamt. Das wird man dann nicht mehr unter Kontrolle haben, wie aktuelle Beispiele zeigen. Der Mensch reagiert mit Apathie oder mit derartiger Beeinträchtigung seiner Initiative und Fertigkeiten, sodass sie allmählich ihre Funktionen „im Dienste der Wirtschaft und Politik“ nicht mehr erfüllen können. Bestes Beispiel ist die ständig sinkende Wahlbeteiligung. Oder aber der Mensch reagiert mit soviel Hass, dass er schließlich mitsamt des Systems sich selbst vernichtet.
Wir haben die Wahl. Wir können mit unserer Reaktion, mit einer solchen Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit bestehen, dass mit unseren schöpferischen Impulsen eine bessere Gesellschaft entsteht. Wir dürfen nicht müde werden, es erreichen zu wollen! Zu welcher Reaktion es kommen wird, hängt vom politischen, wirtschaftlichen und geistigen Klima ab, in dem wir leben.
Halten wir also unser Herz und unseren Geist offen, bei allem was wir tun. Und stellen wir uns außerdem noch die Frage: Kann ich meine Entscheidung von heute morgen noch verantworten?
Wenn Krankenkassen Ärzte dazu bringen wollen, die Menschen als chronisch krank zu deklarieren, sollte man sich überlegen ob solch ein Status uns zu einem späteren Zeitraum nicht auf die Füße fällt. Als Patienten sollten wir darauf achten, dass wir nicht für solche Zwecke missbraucht werden. Das heißt, fragen, fragen und nochmals fragen. Wir als Endverbraucher dürfen nicht müde werden, alles zu hinterfragen und auf keinen Fall irgendetwas als selbstverständlich annehmen. Bei jeglicher Routine wird das Gehirn abgeschaltet. Wollen wir das?
Dass die Regierung nun den Gesundheitssektor mit unter den Schutzschirm nehmen will, stößt bei mir auf Unverständnis. Der Bund will also Einnahmeausfälle bei den Beiträgen, die durch die Wirtschaftskrise entstehen könnten, durch ein zinsloses Darlehen ausgleichen, schreibt die LVZ, am 24.1.2009. Was den für Beiträge? Wenn es sich dabei um die Krankenkassenbeiträge handelt, so können sie doch nicht ausfallen. Schließlich sind doch die Krankenkassen Pflichtversicherungen, um die keiner herum kommt. Sobald die Beiträge nicht pünktlich an die Kassen gehen, stehen die doch schon vor der Tür. Was soll da ausfallen?
Was macht man eigentlich mit den vielen Krediten, die man dann so bekommt? Arbeitsplätze werden doch nur vor das Loch geschoben, damit wir den Inhalt nicht sehen. Das Beispiel Qimonda zeigt es. Auf der Jagd nach exorbitanten Gewinnen und Preisdrückerei kann man nun mit Asien nicht mehr mithalten. Die Geister die ich rief, werde ich nun nicht mehr los. Das ist aber nicht ein Problem von Qimonda, sondern inzwischen in der Wirtschaft so üblich. Die Gewinner der ganzen Krise werden die sein, die sie als erstes mit ausgelöst haben. In der Abhängigkeit der Kredite sind wir verdammt die Zins und Zinseszinsen zu zahlen. Allein die Zinsen wiegen schwer. Wenn das Geld bei der Infineon-Tochter aufgrund der Chippreise jetzt schon nicht reicht - wie hätte es werden sollen mit einen Kredit von 325 Millionen Euro? Das verwerfliche an dieser Sache ist, das der Mensch ausgetauscht werden kann, die Grundpfeiler aber bestehen bleiben. So werden nur die Symptome behandelt, nicht die Ursache.

Danielle Wünschmann

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