“Das Bison ist unser Bruder”
Nov 20th, 2008 | Von admin | Kategorie: Allgemein, Landkreis LeipzigDie Zeitung der LINKEN.Sachsen hat in ihrer November-Ausgabe ein Interview mit Jörg Diecke (Grimma) veröffentlicht. Hier können Sie die vollständige Version des Gesprächs nachlesen.
Über eine Pressemeldung bin ich wieder auf dich aufmerksam geworden und zwar im Zusammenhang mit einen Unfall, den du auf deiner Bisonfarm erlitten hattest. Das ist ein paar Jahre her. Sind die Bisonzucht und die Indianistik eine Art Hobby für dich? Wann hast du begonnen, dich damit zu beschäftigen?
Die Anfänge liegen schon sehr lange zurück. 1966 kam in der DDR der erste DEFA-Indianerfilm auf die Leinwand. Das war im Grunde genommen der Startschuss für viele Gleichaltrige, sich mit dem Thema Indianer zu befassen, wobei ich vorher schon Bücher gelesen hatte und sich bei mir auch dadurch ein großes Interesse für die Indianer herausgebildet hat. Ich bin dann 1969 in den Tauchaer Verein eingetreten und war dort 20 Jahre. Ich bin ziemlich tief in die Welt der Indianer reingestoßen. Für die Prärieindianer bildete der Bison die Lebensgrundlage, ohne Bisonherden hätten sie die Winter nicht überleben können. Aus diesem Grund haben die Indianer den Bison sehr verehrt und spirituell in ihr Leben einbezogen. Das wird bis zum heutigen Tag noch bei den Prärieindianern in den USA fortgesetzt: der Bison ist unser Bruder, unser Lebensspender. Hier in Grimma hat sich dann die Chance ergeben, Land zu pachten. Da habe ich den Entschluss gefasst, Bisonzucht zu betreiben. Ausgangspunkt dafür sind die Indianer, und die Zucht ist die Vollendung dessen, was man als Hobby hat. Dazu gibt es eine interessante Geschichte: 2004 war ein Reporter von BBC aus England hier. Der hatte einen indianischen Freund und hat dem erzählt, dass er nach Deutschland zu einem Hobbyisten fährt, der sich mit der Kultur der Indianer beschäftigt. Darauf hatte der Indianer gesagt, dass dies nicht ginge, da er doch sicher keine Bisons habe. Mit stolzer Brust konnte ich dann sagen, dass das in meinem Fall nicht relevant ist, wobei es natürlich ein großes Privileg ist, diese Möglichkeiten zu haben und so etwas machen zu können.

Seit wann besitzt du die Bisons?
Seit 2003, also jetzt genau 5 Jahre.
Ich hatte schon während unserer Berufsausbildung das Gefühl, dass es für dich doch mehr als ein Hobby ist, was du machst. Hat es, neben dem Erkunden der Lebenskultur, auch mit einer Lebenshaltung zu tun?
Es ist eine sehr spannende und komplizierte Geschichte. Man beschäftigt sich mit Leuten, die noch existieren. Die indianische Kultur ist zwar nach der Niederschlagung der Aufstände schlimmen Verwandlungen unterlegen, aber sie ist noch existent. Da kommt man schnell in Konflikte. In Deutschland gibt es mindestens zwei- bis dreitausend Hobbyisten, die sich mit der Kultur der nordamerikanischen Indianer befassen. Ein Kritikpunkt meinerseits ist, dass viele an der Oberfläche stecken bleiben. Sie sagen, dass das, was vor 200 Jahren war ok ist, und das ist das, womit sie sich identifizieren können und wollen. Interessant wird es dann, wenn man sagt: Leute, es leben doch heute noch Indianer. Da muss man jetzt wissen, 80 % sind Sozialhilfeempfänger, Alkoholiker, Diabetiker, fettsüchtig. Mit diesem Indianerbild will sich aber heute keiner identifizieren. Damit setzt man sich Konflikten aus. Wenn man zugibt, sich für Indianer zu interessieren, wirkt man erst einmal suspekt. Grimma hat eine Partnerstadt in Kanada. Der Bürgermeister, den ich gut kenne und mit dem ich ein bisschen befreundet bin, hat sich gewundert, dass ich mich für Indianer interessiere. Sie werden dort als Schmarotzer angesehen. Da entsteht ein Spannungsfeld, denn interessant wird es dann, wenn die Hobbyisten auf die Indianer treffen. Der Indianer ist eigentlich derjenige, der über alles bescheid weiß. Partiell weiß aber der Deutsche über irgendein Detail von 1850 mehr als der Indianer und formuliert daraus den Satz: Ich weiß eigentlich mehr über die Kultur der Indianer als die Indianer selbst. Das sind natürlich Verwerfungen, die auch schlimm sind und die für sehr viel Verstimmung sorgen. Es gibt jetzt dieses Buch "Die sozialistischen Cowboys". Darin ist auch formuliert: Ich weiß eigentlich mehr über die Kultur als sie. Das ist so was von daneben. Es ist vielleicht schon ein bisschen anmaßend zu sagen, aber ich interessiere mich über das Hobby hinaus für Indianer. Dabei geht es nicht um das Nachspielen, sondern die Kulturgeschichte, und das Einsteigen in eine andere Welt spielt dabei eine Rolle. Was können wir für die Indianer tun? Interessieren wir uns überhaupt für sie? Damit ist es nicht nur ein Hobby, sondern eher eine Lebenseinstellung. Da bin ich schon ein bisschen stolz drauf. Es gibt den Konflikt zwischen den Hobbyisten, die mit Scheuklappen durchs Leben laufen und mit den heutigen Indianern in der Regel nichts mehr zu tun haben wollen, und den Unterstützergruppen, die schon näher an der Wirklichkeit dran sind, etwas gegen die Unterdrückung tun wollen. Die machen es aber oft mit einem Eifer, sodass sie nicht in einem Tipi schlafen, denn diese gehörten den Indianern und nur die dürften darin schlafen. Sie unterliegen auch der großen Gefahr, dass ein Indianer herkommt und verlangt, dass die Europäer die 500-jährige Unterdrückung an einem Einzelnen wiedergutmachen. Ich versuche das Zwischenglied zu nehmen, denn ich bin Mitglied eines Unterstützervereins. Wenn ein Indianer hierher kommt und auf Leute trifft, die über ihn und seine Kultur etwas wissen und ihn trotzdem unterstützen, ist es eine gute Sache.
In der DDR waren die Indianistikgruppen im Kulturbund integriert und hatten auch eine öffentliche Aufgabe; welche Arten von Vernetzung existieren heute?
Man muss die Indianer ganzheitlich betrachten. Ihre Geschichte und auch die Probleme, die sie jetzt haben. Das schlimme an dieser Gesellschaft ist, dass man keine gesellschaftliche Nützlichkeit mehr beweisen muss. Man kann jetzt machen, was man will und es interessiert keinen, und dadurch geht die Motivation zu einer guten, öffentlichkeitswirksamen Arbeit verloren. Aber nur seinem Hobby nachzugehen ist zu kurz gegriffen.
Es gibt im Osten Deutschlands noch ungefähr 40 Indianergruppen. Wir haben uns 1991 zu einem Indianistik-Bund zusammengeschlossen, um die sogenannte WEEK, eine Veranstaltung, die von Indianern organisiert wird, zu der nur Indianer und Indianerfreunde kommen — die machen wir seit 1973, ist also ein Ostprodukt — auch weiterhin durchführen zu können. Und wir haben schon zu DDR-Zeiten einen Kampf aufgenommen: Wir interessierten uns für Indianer, nicht für Cowboys, nicht für die amerikanische Armee und haben versucht, das alles zurückzudrängen. In Radebeul bspw. gibt es eine Western-Stadt, die spielen morgens Indianer und abends sind es dann Cowboys — das ist eine Scheinwelt.
Aus diesen Beweggründen ist die WEEK entstanden. Nach der Wende sind dann auch viele aus den alten Bundesländern gekommen. Aus meiner Sicht ist das aber noch zu wenig.
Im Westen gibt es eine ähnliche Organisation, die ist aber wesentlich größer. Der Western-Bund, da sind Trapper, Soldaten — Nord- und Südstaatler — drin, und eben auch Indianer.
Das Grundproblem ist ja, dass wir uns besser fühlen als Indianer und uns stellenweise anmaßen, Sachen durchzuführen, z.B. Zeremonien, die heutige Indianer selber nicht mehr praktizieren. In Amerika habe ich erlebt, was indianische Kultur bedeutet. Dass sie lebt und kraftvoll ist, da habe ich mir gesagt, da muss ich noch einmal hin. Ein Jahr später waren wir dann auch noch mal da, mit einer Gruppe aus Fürstenwalde, die sich ausschließlich mit der historischen Kultur der "Crow" beschäftigen. Und da hatten wir Gelegenheit, uns lange und intensiv mit den Crow-Indianern zu unterhalten. So etwas habe ich mir mit 13 gewünscht, auf Augenhöhe mit Indianern zu agieren.
In den USA gibt es eine Organisation, die unterstützt dörfliche Projekte in Indien, Indonesien und so weiter. Ihre Herangehensweise: Zeit haben die Menschen da alle, aber an Material oder Geld scheitert es. Die Indianer haben sie mit einer Bisonzucht unterstützt. Ideen zur Umsetzung und Erhaltung mussten die Indianer aber selber bringen. Was den Indianern am meisten fehlt, ist Achtung und Selbstvertrauen. Geld ist genug da, auch wenn sie es nicht erhalten. Materielle Not leiden sie eigentlich nicht, aber sie vegetieren vor sich hin, weil sie keine Lebensaufgabe haben, keine Arbeit. Annerkennung und Selbstvertrauen fehlt ihnen. Und da können wir einen kleinen Beitrag leisten.
Wann bist du zur LINKEN gestoßen?
Eingetreten in die SED 1976. Da muss man wissen, mein Vater ist 1975 gestorben, ein alter Kommunist, mit dem ich mich immer gestritten habe. Aber als er weg war, bin ich in die SED eingetreten. Ich war ein paar Jahre Funktionär der FDJ, bin auf die Parteischule gegangen und war hier in Grimma zwei Jahre bei der FDJ-Kreisleitung als Sekretär für Kultur tätig. Bin dann aber auf eigenem Wunsch ausgeschieden.
Später habe ich in Leipzig im Naturkundemuseum gearbeitet. Habe als Nachtwächter angefangen und bin zum Verantwortlichen der Überwachungskräfte aufgestiegen, und dann kam die Wende. Da habe ich mich in Grimma beworben, für das Kreismuseum. Als alle raus sind aus der SED, bin ich wieder rein. Wir hatten in Grimma so einen Hoffnungsträger, Martin Harnack, der hat mich quasi geworben und da habe ich als hauptamtlicher Funktionär angefangen. Den Übergang SED - PDS habe ich natürlich mitgekriegt. Auch den Rückgang der Mitgliederzahlen: von 6.900 runter auf 690 oder so.
Alle Hauptamtlichen übernahmen irgendeine Wahlfunktion, und da habe ich für den Stadtrat und Kreistag kandidiert und bin in den Stadtrat gewählt worden. Später wurde ich Fraktionsvorsitzender.
Die Anfänge als Vorsitzender waren schwer, da haben wir natürlich ordentlich eins auf die Mütze bekommen.
Bis heute muss man sich durchkämpfen, um Anträge durchzukriegen. Aber die Akzeptanz wird immer größer.
Es gibt also punktuell eine Zusammenarbeit in Grimma?
Ja gibt es. Punktuell sachorientierte Zusammenarbeit, aber ab und zu muss es eben auch knallen, damit der Bürger auch weiß, wo stehen die denn überhaupt.
In Dresden gabs ja die Privatisierungsgeschichte mit der WOBA, die hohe Wellen geschlagen hat. Wie sieht es in Grimma mit der öffentlichen Daseinsvorsorge aus. Gibt es da auch Privatisierungsbestrebungen?
Ja, wir wurden auch von Privatisierungswellen überschwappt. Im Zuge der Straßenbaubeitragssatzungsdebatte hat uns einer von der CDU angegriffen. Da ging es um die Verschuldung von Grimma. Nach dem Motto: Wenn Ihr damals nicht so hohe Schulden gemacht hättet, dann bräuchten wir heute keine Straßenbaubeitragssatzung, um an Geld zu kommen. Da konnte ich natürlich nur sagen: Ich kann mich an keinen Zeitpunkt erinnern, dass wir als LINKE in dem Stadtrat eine Mehrheit hätten.
Wir laufen Sturm gegen alle Versuche der Privatisierung. Wir würden so was wie dem Verkauf der Wohnungsbestände nie zustimmen. So verlockend das Angebot auch sein mag, dass man dann den Haushalt fast schuldenfrei kriegt. Aber dadurch hat man das Regulativ, auf dem Wohnungsmarkt auf die Mieten einzuwirken, auf Jahre vergeben. Und wenn man auch noch weiß, wer das gekauft hat, und die Verwerfungen in den jetzigen Finanzgeschäften sieht, weiß man ja nicht, was aus den Wohnungen in fünf Jahren wird.
Unsere Fraktion bemüht sich darum, kommunales Eigentum zu schaffen. Mit unserem Bürgermeister kann man da gut arbeiten. Auch in Teilen der CDU finden wir offene Ohren. Wir lehnen Privatisierung prinzipiell ab.
Wir streben in Grimma an, Stadtwerke zu gründen. Wir haben da auch den Bürgermeister ein bisschen auf unserer Seite. Als Kern dieser Stadtwerke soll die Hartschnitzelanlage dienen, womit wir unsere Schwimmhalle und Teile der anliegenden Wohngebiete mit Wärme versorgen.








