«Entweder man engagiert sich, oder man zieht weg» - Modellprojekt ausgezeichnet (ddp, 24.10.2008)
Okt 24th, 2008 | Von admin | Kategorie: MedienechoPirna (ddp-lsc). «Entweder man engagiert sich, oder man zieht weg», sagt Sebastian Reißig, Geschäftsführer der «Aktion Zivilcourage». Beim Spaziergang durch die engen Gassen seiner Heimatstadt zeigt der gebürtige Pirnaer auf die 14 000 kleinen bunten Kreuze, die, von jungen Leuten auf die Bürgersteige aufgemalt, vom Elbufer bis zur Gedenkstätte Sonnenstein führen. «Sie stehen für die Menschen, die dort von den Nationalsozialisten ermordet wurden.»
Sein ganzes Erwachsenenleben hat der 30-Jährige dem Engagement gegen Rechtsextremismus gewidmet. Seit der Gründung der Initiative vor zehn Jahren ist Sebastian Reißig dabei. Auslöser waren damals die guten Kommunalwahlergebnisse rechter Parteien im Landkreis Sächsische Schweiz. Auch das Auftreten gewaltbereiter Gruppen, wie den 2003 verurteilten «Skinheads Sächsische Schweiz» (SSS), machte vielen Jugendlichen Angst.
Die «Aktion Zivilcourage» gehört zu den insgesamt 87 Projekten, die über das Landesprogramm «Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz» in diesem Jahr mit rund 1,7 Millionen Euro gefördert werden, wie die Regierung mitteilte. Der Pirnaer Verein wird mit jährlich 50 000 Euro vom Freistaat unterstützt. Erst Mitte September wurde die «Aktion Zivilcourage» in Köln mit der Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnisgabe ausgezeichnet, einem mit 10 000 Euro dotierten Preis. Die 40 000-Einwohner-Stadt in der Sächsischen Schweiz sei ein Vorbild für Köln, in der die rechtspopulistische Bewegung «Pro Köln» mit einem «Anti-Islamisierungskongress» aktuell für Aufruhr sorgt, hieß es bei der Preisverleihung.
Regionale Internetseiten mit extremistischer Tendenz, die seit Monaten nicht mehr gepflegt würden, die Innenstadt-Kneipe, die «dicht machen muss, weil wegen der rechten Gesinnung des Gastwirtes keiner mehr hingeht» - das sind für Reißig und seine rund 60 ehrenamtlichen Mitstreiter Erfolgsergebnisse. Doch auch die Bildungsarbeit ist ihnen wichtig: Zurzeit planen sie eine große Anne-Frank-Ausstellung in Freital, die am 9. November vom sächsischen Ministerpräsidenten Stanislav Tillich (CDU) eröffnet wird.
Vize-Regierungssprecher Andreas Beese, zugleich Koordinator des Programms «Weltoffenes Sachsen», bezeichnet die Aktion Zivilcourage als «ein Modell dafür, wie Stärkung der Zivilgesellschaft und der demokratischen Kultur durch die Vernetzung von Institutionen und Privatpersonen gelingen kann». Seiner Meinung nach kann in Pirna vor allem deshalb so erfolgreiche Arbeit geleistet werden, weil es dort mit Markus Ulbig (CDU) einen Oberbürgermeister gebe, ‘der sich an die Spitze der Bewegung gestellt hat».
Ulbig selbst verweist auf das jährlich stattfindende interkulturelle Fest «Markt der Kulturen», bei dem in diesem Jahr über 10 000 Gäste mitfeierten und rund 600 Akteure mitwirkten. «2003 haben wir mit 2000 Besuchern klein angefangen.» Auch die Zahl der extremistischen Straftaten in Pirna sei inzwischen deutlich zurückgegangen.
Seit Sommer 2005 arbeitet eine Steuerungsgruppe «Extremismus» in der Region Sächsische Schweiz. Darin seien Landkreis, die Stadt Pirna, die Polizeidirektion Oberes Elbtal-Osterzgebirge und weitere Behörden des Freistaates aktiv, sagt Ulbig. So könne man konzentriert und abgestimmt gegen extremistische Entwicklungen im Landkreis vorgehen.
Eher kritisch sieht die Sprecherin für antifaschistische Politik der Linke-Landtagsfraktion, Kerstin Köditz, die enge Verflechtung der Aktion Zivilcourage mit Ämtern und Behörden. Wenn eine Gruppierung als «verlängerter Arm des Bürgermeisters» erscheine, sei «der zivilgesellschaftliche Anspruch durchaus fraglich.» Auch das Landesprogramm «Weltoffenes Sachsen» sei von Anfang an von «gravierenden Mängeln» begleitet. «Indirekt wird das Programm konterkariert durch die Kürzung von Mitteln für die Jugendarbeit im Freistaat, sodass es teilweise lediglich zu einer Umschichtung der verfügbaren Gelder kam», beklagt Köditz.








