Französisch lernen mit der Feuerwehr

Aug 24th, 2008 | Von | Kategorie: Allgemein
Die französische Feuerwehr streikt. Dazu wird auch mal die Stadtverwaltung eingeschäumt.

Die französische Feuerwehr streikt. Dazu wird auch mal die Stadtverwaltung eingeschäumt.

Sète, eine malerische Kleinstadt in Südfrankreich. Da sie fast ganz von Wasser umgeben ist, wird sie auch das Venedig des Languedoc-Roussillon genannt. Gut 40.000 Einwohner, im Sommer wohl das Doppelte. Nicht erst seitdem Oskar Lafontaine beim Parteitag der LINKEN gefordert hat, wir sollten französisch lernen, zieht es uns jedes Jahr in die ehemalige Fischerstadt.
Auch eine Stadt, die am Wasser liegt und vom Wasser lebt, braucht eine Feuerwehr. Zum Löschen der Brände und für das Rettungswesen. Knapp 100 Leute sind das in Sète, teils Freiwillige und teils als Berufsfeuerwehr. Im Juli schienen sie allgegenwärtig zu sein. Überall in der Stadt waren die Sirenen zu hören und die roten Einsatzwagen zu sehen. Überall? Zumindest fast überall. Das Feuerwehrhaus jedenfalls war wie leergefegt. Einige Transparente zeugten davon, dass es noch nicht aufgegeben worden war. “Feuerwehrleute in Wut” hieß es unübersehbar. Und: “Wollen Sie eine halbe Stunde auf die Rettungskräfte warten?”, “Ein neues Feuerwehrhaus muss her! Sofort!”, “Wir haben die Schnauze voll!”
Der Zorn ist verständlich. Seit acht Jahren wird über den Bau eines Feuerwehrhauses debattiert. Geschehen ist bisher nichts. Der im März wiedergewählte konservative Bürgermeister hatte jetzt einen Plan vorgelegt. Ein neues Gebäude außerhalb der Stadt. Jetzt sollte im Stadtrat darüber debattiert und — vielleicht! — im kommenden Jahr mit dem Bau begonnen werden. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Schon jetzt seien die Verhältnisse untragbar, argumentierten die Feuerwehrleute. Für die fünf Kameraden der Nachtwache stünden nur zwei Betten zur Verfügung. Der geplante Standort des neuen Feuerwehrzentrums bedeute eine erhebliche Verlängerung der Anfahrtzeiten.
Es begann das, was in Deutschland undenkbar wäre. Die Feuerwehrleute traten in Streik. Einen höchst aktiven Streik. Ein Streik, der überall sichtbar und hörbar war. Da der Bürgermeister nicht verhandeln wollte, wurde kurz entschlossen das Rathaus gestürmt. Die Waffe der Feuerwehr kam zum Einsatz: der weiße Löschschaum bedeckte bald das Treppenhaus des Verwaltungssitzes von oben bis unten. Der Marktplatz vor dem Gebäude wurde zum provisorischen Streikzentrum umfunktioniert. Eine Unterschriftensammlung erbrachte innerhalb von zwei Tagen mehr als 600 Zustimmungserklärungen aus der Bevölkerung.
Der Druck wirkte schnell. Der neue Standort ist kein Thema mehr. Der Bürgermeister berief für den 19. August eine Beratung mit Experten und der Feuerwehr ein. Bis dahin wurde weitergestreikt. Mit hundertprozentiger Einsatzbereitschaft natürlich. Brände wurden gelöscht, Personen ins Krankenhaus gebracht, Katzen vom Baum gerettet. Aber der Verwaltungskram blieb liegen.
Französisch lernen! Jeder, der die Zustände in Sachsen kennt, weiß um die Notwendigkeit. Almosen für das Ehrenamt, wenn es die Kassenlage gerade einmal zulässt, sind der Normalzustand. Ehrenamtliche, die auf ihr Recht pochen, nicht nur Anerkennung sondern auch Ausrüstung und Mittel verlangen, sind die seltene Ausnahme. Französisch lernen! Dann ändert sich was.

Streik bei der Feuerwehr von Sète

Streik bei der Feuerwehr von Sète

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